Tschad : Im Bund gegen den Präsidenten

Drei Rebellengruppen haben Tschads Hauptstadt angegriffen – nun sind Tausende auf der Flucht. Wie viele bei den Kämpfen getötet wurden, ist unklar.

Dagmar Dehmer,Alexander Glodzinski

Berlin - Nach zwei Tagen heftiger Kämpfe in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena sind nach Angaben des UN- Flüchtlingshilfswerks UNHCR tausende Menschen auf dem Weg nach Kamerun. Die Hauptstadt ist nur durch eine Brücke vom Nachbarland getrennt. Die militärische Lage im Tschad bleibt verworren. Die Regierung behauptet, die Rebellen aus der Hauptstadt vertrieben zu haben, die Rebellen dagegen sagten der Nachrichtenagentur AP, sie hätten sich nur vorläufig zurückgezogen, um den Einwohnern die Flucht zu ermöglichen.

Wie viele Menschen bei den Kämpfen getötet worden sind, ist unklar. Helfer berichten von vielen Toten auf den Straßen. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat nach eigenen Angaben bisher 70 Verwundete in der Hauptstadt versorgt. Die Ärzte sind mit 15 Helfern in der Hauptstadt, sowie 100 internationalen und mehr als 800 tschadischen Helfern in den Flüchtlingslagern im Osten des Landes tätig. Dort sind knapp 300 000 Flüchtlinge aus dem westsudanesischen Darfur, knapp 200 000 Binnenflüchtlinge aus dem Tschad sowie weitere 40 000 Flüchtlinge aus der benachbarten Zentralafrikanischen Republik vollständig von ausländischer Hilfe abhängig. Hunderte Ausländer sind über Gabun und Paris evakuiert worden, unter ihnen auch zehn Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam. Paul Bendix von Oxfam warnte, die Versorgung der Flüchtlinge im Tschad könnte in Gefahr geraten, wenn N’Djamena dauerhaft als Umschlagplatz für Hilfsgüter ausfalle.

Im Frühjahr 2006 konnte die Regierungsarmee noch einen Putschversuch zurückschlagen. Damals mit militärischer Unterstützung der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Die aktuellen Kämpfe um die Hauptstadt haben eine neue Qualität. Vor zwei Monaten schlossen sich Oppositionsgruppen zu einer Allianz gegen Staatspräsident Idriss Déby zusammen. Die stärkste Fraktion bildet die UFDD (Vereinigte Kräfte für Demokratie und Entwicklung), die nach Angaben der International Crisis Group militärische und technische Unterstützung von der sudanesischen Regierung erhält. Verstärkt wird sie von der RFC (Vereinigung der Kräfte für Wechsel), deren Anführer Timane Erdimi den Zaghawa angehört, dem Klan von Präsident Déby.

Trotz steigender Ölpreise und großer Investitionen aus den USA und China ist Tschad eines der ärmsten Länder und zudem korruptesten der Welt. „Es geht um einen Machtkampf der politisch-militärischen Elite“, sagt Professor Cord Jakobeit, Afrika-Experte an der Universität Hamburg. „Die Rebellen befürchten eine Zementierung des politischen Status quo“, sagt er. Die Angriffe seien „direkt“ an den Eufor-Zeitplan geknüpft, sagte der französische Verteidigungsminister Hervé Morin. Die Rebellen nutzten die Chance und starteten ihre Offensive bevor die Eufor-Truppen die Wege nach Sudan kontrollieren. Am Sonntag hatten sich die Botschafter der 27 EU-Staaten darauf verständigt, die Entsendung so lange auszusetzen, bis die Situation wieder klarer sei. Eine Alternative dazu sieht Jakobeit auch nicht. Insgesamt sollen 3700 Eufor-Soldaten aus 14 Ländern bis Mai einsatzbereit sein, um die Flüchtlinge aus dem Darfur zu schützen. Der Schutz sei „wichtiger als je zuvor“, sagte der EU-Außenbeauftragte Javier Solana.

1990 unterstützte Paris Déby, als er sich an die Macht putschte. Am Wochenende wurde Déby sicheres Geleit nach Frankreich angeboten. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich zunächst nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Die Afrikanische Union kündigte an, eine Rebellenregierung nicht anzuerkennen. Allerdings genügten zwei von drei Wahlen Débys, zuletzt 2006, demokratischen Ansprüchen auch nicht.

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