Tschad : "Viele der Kinder weinen nachts"

Die französische Hilfsorganisation "Arche de Zoé" steht im Verdacht, Handel mit afrikanischen Kindern zu treiben. Dies äußerte der tschadistische Regierungschef Idriss Déby. Die Organisation selbst ist empört über die Vorwürfe.

Eva Krafczyk
Tschad
Der tschadistische Regierungschef Idriss Déby erhebt schwere Vorwürfe gegen die französische Hilfsorganisation "Arche de Zoé". -Foto: AFP

Nairobi/Abeche Idriss Déby, Präsident des Tschad, zweifelt an den guten Absichten der französischen Hilfsorganisation "Arche de Zoé", die versucht hat, mehr als 100 Kinder, angeblich Waisen aus Flüchtlingslagern der sudanesischen Krisenprovinz Darfur, nach Frankreich zu bringen. "Ihr Ziel ist es, den Eltern die Kinder zu stehlen und an pädophile Organisationen in Europa zu verkaufen", sagte Déby in einer Stellungnahme. "Vielleicht sollten sie sogar getötet und ihre Organe verkauft werden."

Gegensätzlicher können die Positionen kaum sein. Während Vertreter von "Arche de Zoé" ihre Aktion als rein humanitäre Aktion schildern, die Kindern in Not das Überleben sichern soll, zählen Behörden im Tschad Maßnahmen auf, die die Identität der Kinder offenbar verschleiern sollten. So seien den offenbar kerngesunden Kindern Verbände angelegt worden, um sie krank aussehen zu lassen. Offiziell war die Reise der Kinder ein Krankentransport. Keines der Kinder hat einen Reisepass, Kinderausweis oder ein anderes Dokument, das die Identität der angeblichen Darfur-Waisen belegen konnte. Stattdessen trugen alle Kinder Plastikarmbänder mit einer Nummer.

Herkunft der Kinder noch nicht festgestellt

So lange die wahre Herkunft der Kinder nicht feststeht, sind sie in einem Waisenhaus in Abeche im Grenzgebiet zum Sudan untergebracht, wo sie von örtlichen Hilfsorganisationen und Mitarbeitern des UN-Kinderhilfswerks Unicef betreut werden. Dort werden auch sechs Mitarbeiter von "Arche de Zoé" von der Polizei festgehalten. Ihnen droht nach den Worten des tschadischen Innenministers Ahmat Bachir eine Gefängnisstrafe.

"Viele der Kinder weinen nachts und rufen nach ihren Eltern", sagte eine Unicef-Mitarbeiterin dem britischen Sender BBC und ließ Zweifel an der Darstellung erkennen, dass es sich tatsächlich um Waisenkinder handelt. "Unser Eindruck ist, dass die meisten keine Waisen sind", sagte auch der französische Unicef-Chef Jacques Hintzy.

Nach der bisherigen Befragung der Kinder glauben die Helfer zudem, dass 48 der 103 Jungen und Mädchen aus dem Tschad und nicht aus dem Sudan stammen. Da zahlreiche Kleinkinder und auch einige Säuglinge unter den Kindern sind, dürfte in einer Reihe von Fällen die Identifizierung schwierig sein.

Hilfsorganisation weist Vorwürfe zurück

Sprecher der Hilfsorganisation bestreiten die Vorwürfe energisch. Sie werfen dem tschadistischen Präsidenten ein politisches Manöver vor. "Die Vorwürfe wurden übertrieben, weil die Regierung bei den Verhandlungen über die Stationierung der EU-Truppe im Tschad davon profitieren will", sagte Gilbert Collard, der Anwalt von "Arche de Zoé" dem französischen Sender France Info. Der Tschad wolle den Truppeneinsatz verhindern und nutze deswegen die Gelegenheit aus, fügte er hinzu. Collard bekräftigte, dass die Organisation lediglich das Beste für die Kinder gewollt habe. "Die Familien, die die Kinder aufnehmen wollten, sind keine Pädophilen oder Organhändler", sagte er.

Franzosen werden unterdessen im Tschad an der Grenze zum Sudan von Einheimischen angegriffen. Mehrere Europäer wurden mit Steinen beworfen und beschimpft, wie der britische Rundfunksender BBC berichtete. Offenbar fühlt sich die Bevölkerung vor Ort durch die Weißen betrogen.

Menschenhandel in Afrika alarmierend

Das Misstrauen der Behörden im Tschad hat handfeste Hintergründe. Schon seit Jahren schlagen Kinderschützer und Menschenrechtsgruppen Alarm. In zahlreichen afrikanischen Staaten sind Kinder Opfer von Menschenhändlern - als Arbeitssklaven verkauft, in die Prostitution gezwungen, als minderjährige Bräute zwangsverheiratet. Vor allem in Zentral- und Westafrika ist der Anteil des schmutzigen, aber lukrativen Geschäfts mit der Ware Mensch groß.

Erst vor wenigen Wochen vereitelten die Behörden in Nigeria einen Versuch, angebliche Adoptivkinder nach Europa und Nordamerika zu schmuggeln. Tatsächlich, so der Vorwurf, sollten sie an Pädophile verkauft werden. Doch auch wenn nur Mitleid und der Wunsch europäischer Eltern nach einem Kind im Spiel sind, sind afrikanische Behörden bei Auslandadoptionen vorsichtig: Zu hoch scheint ihnen für viele Kinder der Preis, wenn eine neue Familie zugleich kulturelle Entwurzelung und Desorientierung bedeutet.

(mit dpa)

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