Tschechien : Deutschland will Botschaft mit Genscher-Balkon in Prag kaufen

Am 30. September 1989 wurde er zu einem Ort des Triumphes der Freiheit, als Bundesaußenminister Genscher vom Gartenbalkon der Botschaft in Prag sprach. Nun will Deutschland das geschichtsträchtige Gebäude von der tschechischen Regierung erwerben.

Berlin - Einst konzertierten im Kuppelsaal Ludwig van Beethoven und Carl Maria von Weber. Doch nicht diese künstlerischen Ereignisse haben das Barockpalais der böhmischen Adelsfamilie Lobkowicz in der Prager Altstadt berühmt gemacht. Seit 1974 beherbergt das zur Straßenseite hin eher unscheinbare Gebäude am Fuße des Petrin die deutsche Botschaft, und diese ging in den August- und Septembertagen des Jahres 1989 in die Geschichte ein. Zunächst als Zufluchtsort für viele DDR-Bürger, die mit ihrer dramatischen Aktion der Botschaftsbesetzung ihre Ausreise in die Bundesrepublik erzwingen wollten, und am 30. September als Ort des Triumphes der Freiheit, als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Gartenbalkon des Palais verkündete: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – der Rest der Mitteilung ging im Jubel der dicht an dicht gedrängten 4000 DDR-Flüchtlinge unter.

Nun will Deutschland das geschichtsträchtige Gebäude, in dem die deutsche Botschaft bislang Mieter war, von der tschechischen Regierung erwerben. Und zwar auf der Basis eines Immobilientausches. Bereits vor mehreren Monaten hatte der Tagesspiegel über diese Absicht berichtet, nun bestätigte das Auswärtige Amt in Berlin der Nachrichtenagentur dpa, dass sich Deutschland und Tschechien auf die Einsetzung eines international tätigen Gutachters verständigt hätten, der die Immobilien bewerten soll.

Tauschobjekt auf deutscher Seite ist die frühere Ostberliner US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße nahe der Straße Unter den Linden in Berlin-Mitte. Dieses Gebäude, 1886 als Warenhaus erbaut und später Haus des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages, steht seit dem Umzug der US-Botschaft in den Neubau am Pariser Platz leer. Für die Tschechen böte der Tausch die Gelegenheit, das stark sanierungsbedürftige bisherige Botschaftsgebäude in der Wilhelmstraße zu verlassen, einen klotzigen Bau aus braunem Glas und Beton, der Ende der 70er Jahre im – wie die Botschaft auf ihrer Homepage schreibt – „Stil des französischen Brutalismus“ errichtet und seitdem sowohl innen als auch außen kaum verändert wurde.

Für den 27. September hat die deutsche Botschaft in Prag die einstigen Botschaftsflüchtlinge zu einem Fest eingeladen. Mit ihrem Mut, ihrer Zuversicht und ihrer Beharrlichkeit hätten sie ganz wesentlich dazu beigetragen, dass wenige Wochen später die Mauer gefallen sei, heißt es im Einladungstext. Der Eigentumswechsel wird bis dahin allerdings längst noch nicht vollzogen sein. sc

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