Politik : Tschechien: Junger Hoffnungsträger

Ludmila Rakusan

Der neue Verteidigungsministers Tschechiens heißt Jaroslav Tvrdik, ist 32 Jahre alt und war noch vor fünf Monaten als Berufsoffizier für Erholungseinrichtungen der Armee zuständig. Anfang des Jahres wurde der studierte Militärökonom und das frische Mitglied der Sozialdemokratischen Partei CSSD zum Stellvertreter seines Vorgängers Vladimir Vetchy berufen und begann, die Missstände in seinem Ressort beim Namen zu nennen. Er sprach von einer Armee am Rande des Bankrotts und von der "unglaublichen Unfähigkeit" der zuständigen Stellen, effektiv zu wirtschaften. Jetzt bekam er freie Hand, um Abhilfe zu schaffen: Am Freitag wurde Vetchy auf Wunsch des Regierungschefs Milos Zeman abgesetzt und Tvrdik auf seinen Platz gehievt.

Für die Verwirklichung seiner Vorstellungen hat der neue Hoffnungsträger jedoch lediglich eine Galgenfrist von einem Jahr, denn spätestens dann stehen in Tschechien Parlamentswahlen an. Die Liste der dem Exminister vorgeworfenen Versäumnisse ist lang: Nach seinem Amtsantritt nahm die Polizei zwar gegen einzelne Beamte Ermittlungen wegen Korruptionsverdacht auf, den kriminellen Praktiken aber wurde kaum Einhalt geboten. Für Millionenbeträge kaufte Vetchys Ministerium beispielsweise Panzermunition mit abgelaufenem Verfallsdatum oder unbrauchbare Fallschirme ein. Auch die Straffung des Ressorts kam unter Vetchy praktisch zum Erliegen. Weitere Milliarden verschwanden in kaum reformierten Militärschulen, wo vergreiste Offiziere dem tschechischen Nato-Nachwuchs Erkenntnisse aus längst verflossenen Zeiten des Warschauer Paktes vermitteln.

Vetchy selbst entstammt diesem Milieu: Bevor er im Jahre 1998 zum Verteidigungsminister berufen wurde, lehrte er Mathematik auf der Militärakademie in Brünn. Gerüchte über Vetchys Rücktritt kursierten in Tschechien seit einem halbem Jahr, doch der Regierungschef Zeman dementierte stets. Erst der Chinabesuch des Exministers vergangene Woche, der angeblich für Verstimmung zwischen Prag und Washington sorgte, brachte das Fass zum Überlaufen. Ungeachtet der wachsenden Spannungen zwischen China und den USA verhandelte der Ex-Verteidigungsminister des Nato-Mitglieds Tschechien in Peking über Waffenlieferungen und über einen künftigen tschechisch-chinesischen Vertrag über militärische Zusammenarbeit. Dabei ließ er den Verdacht aufkommen, Tschechien wolle an China militärische Radaranlagen liefern.

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