Politik : Tschechien und Kuba: Vom Urlaub in Castros Gefängnis

Alexander Loesch

Auf enttäuschte Liebe folgt oft die Rache. Ließe sich diese Formel in der Politik anwenden, könnte sie als Erklärung für den gegenwärtigen propagandistischen Feldzug Havannas gegen Prag dienen. Tschechiens Regierung müsse sich dafür öffentlich entschuldigen, dass sie als ein "Agent des US-Imperialismus" gegen Kuba arbeite. Diese Forderung erinnert in der Tat an vergangene Zeiten des Sowjet-Imperiums, als die Satelliten Moskaus durch "brüderliche Liebe" aneinander gekettet waren.

Doch der Theaterdonner ist nur die Geräuschkulisse hinter zwei realen Menschenschicksalen. Zwei tschechische Spitzenpolitiker werden auf der kommunistischen Zuckerinsel seit drei Wochen als Geiseln gehalten. Ivan Pilip (37), früherer Schul- und später Finanzminister, heute Vertreter der Freiheitsunion (US), und Jan Bubeník (32), Studentenführer während der "Samtenen Revolution" von 1989 und danach zeitweilig das jüngste Mitglied des Prager Parlaments, waren am 12. Januar während einer Privatreise in der kubanischen Provinz Ciego de Avila festgenommen worden. Seit rund zwei Wochen werden sie in dem berüchtigten Gefängnis Villa Marista festgehalten. Weil sie sich vor ihrer Festnahme mit den kubanischen Dissidenten Antonio Femenias und Roberto Valdivia getroffen hatten, werden sie nun eines "kontrarevolutionären Komplotts" beschuldigt. Als wahrer Hintergrund dieser Willkür wird die tschechische Initiative vom vorigen Jahr vermutet, die in der Genfer UN-Menschenrechtskommission zur Verurteilung Kubas führte; ehemalige tschechische Dissidenten, allen voran Staatspräsident Václav Havel, haben im Laufe der 90er Jahre auf internationalen Foren immer wieder die Unterdrückung in Kuba zur Sprache gebracht.

Das tschechische Außenministerium erklärte unterdessen, "alles zu tun, um unsere Jungs freizubekommen". Zugleich geht die Prager Regierung aber davon aus, dass es "zwei bis drei Monate" dauern könnte. Unmittelbar nach der Verschleppung von Pilip und Bubeník ging man in Prag davon aus, dass die beiden nur des Landes verwiesen und rasch abgeschoben werden - ähnlich wie kurz zuvor im Falle von drei schwedischen Journalisten und eines US-Bürgers. Alarmiert wurde das Prager Außenamt erst, als das kubanische KP-Organ "Granma" ankündigte, dass den beiden Politikern als "US-Agenten und Verrätern der sozialistischen Revolution" der Prozess gemacht werde. Dieser Schritt ist nur der vorläufig letzte und dramatischste nach einer Entwicklung von zehn Jahren, in denen sich die bilateralen Beziehungen zwischen Kuba und dem einstigen mitteleuropäischen "Bruderland" kontinuierlich verschlechterten.

Nachdem Havanna es abgelehnt hatte, mit Prag über die Rückzahlung der vor der Wende angehäuften enormen kubanischen Schulden zu verhandeln, gibt es in Kuba seit 1993 keinen tschechischen Botschafter mehr. Der gegenwärtige Geschäftsträger in Havanna, Josef Marsícek, durfte die beiden Inhaftierten erst am 20. Januar besuchen. Danach berichtete er, dass die zwei Politiker in einer engen Zelle von sechs Quadratmetern festgehalten würden. Fünf Tage später unterrichtete das Castro-Regime die Regierung in Prag offiziell über die Festnahme. Die tschechischen Kommunisten wurden von der kubanischen "Bruderpartei" über die Festnahme freilich schon viel früher informiert und disqualifizieren sich seitdem gegenüber der demokratischen Öffentlichkeit, indem sie die Anschuldigungen aus Havanna unterstützen.

Währenddessen hagelt es offizielle Proteste und Forderungen nach sofortiger Freilassung Pilips und Bubeníks von Berlin über London bis Washington, vom Auswärtigen Amt bis zum State Department, von PEN-Klubs bis zu den Kirchen. Dies wird jedoch den "Größten Führer" (maximo líder) in Havanna genauso wenig beeindrucken wie vergleichbare internationale Kampagnen zum Schutz der elementaren Menschenrechte auf Kuba in der Vergangenheit. Derweil wird darüber, was das Castro-Regime mit der spektakulären Geiselnahme wirklich erreichen will, in Tschechiens Hauptstadt nur spekuliert. Um Näheres zu erfahren, soll in den nächsten Tagen eine sechsköpfige Delegation des Prager Parlaments nach Havanna aufbrechen.

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