Tschechien : Wo die Kirche auf dem Trockenen sitzt

Am Wochenende besucht Papst Benedikt XVI. Tschechien - und wird freudig erwartet. Denn in die Kirche ist hier schwach und wenig beliebt.

Kilian Kirchgeßner
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Papst Benedikt XVI. Zur katholischen Kirche bekennen sich nur etwa 27 Prozent der Tschechen. -Foto: dpa

PragDem Prager Kardinal Miloslav Vlk ist die Verbitterung anzumerken. „Ich war es aus dem Kommunismus gewöhnt zu kämpfen“, sagt er, „und jetzt in der Demokratie kämpfe ich immer noch.“ Der oberste Katholik in Tschechien steht vor einer ganzen Reihe ungelöster Probleme: Seit Jahren schon streiten sich Kirche und Politik um ein geregeltes Verhältnis untereinander und um verstaatlichtes Kircheneigentum. Nirgendwo sonst in den früheren sozialistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa, sagen Beobachter, sei die Situation so verfahren wie in Tschechien.

Auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. am Wochenende freuen sich die Tschechen deshalb ganz besonders. „Der Papst kommt vor allem zu einem pastoralen Besuch“, sagt der Prager Kardinal Vlk. „Wenn er in ein Land reist, in dem die Religion so schwach und die Stellung der Kirche im Staat so erbärmlich ist, dann will er die Gläubigen bestärken.“ Zur katholischen Kirche bekennen sich nur etwa 27 Prozent der Tschechen, die anderen Glaubensgemeinschaften haben noch weniger Mitglieder.

Kirche leidet an Vorurteilen und am Staat

Die Kirche leide noch unter den Vorurteilen aus kommunistischer Zeit, klagt Kardinal Vlk. Er erfahre das am eigenen Leib, wenn er an den Wochenenden auf dem Land seine Gottesdienste feiere. „Einmal saß ich danach mit dem Bürgermeister eines kleinen Ortes zusammen beim Mittagessen, und nachdem wir eine halbe Stunde geredet haben, sagte er plötzlich: Sie sind ja ganz normal!“ Solche Situationen zeigten ihm, wie wichtig die persönliche Begegnung sei, um Vorurteile abzubauen, sagt Vlk.

Besonders leidet die Kirche allerdings unter den vergifteten Beziehungen zum Staat. Ein bilateraler Grundlagenvertrag zwischen Vatikan und Tschechien ist in der Vergangenheit gescheitert – und gerade in einem solchen Vertrag wäre das beiderseitige Verhältnis eindeutig geregelt worden. Im Alltag spielen vor allem die ungeregelten Besitzverhältnisse eine Rolle. Unter ihnen leiden alle der 17 in Tschechien zugelassenen Religionsgemeinschaften: Das kirchliche Eigentum, das die Kommunisten verstaatlicht haben, gehört noch immer dem Staat. „Wir haben seit der politischen Wende alle erdenkliche Freiheit“, sagt Kardinal Vlk, „aber wir haben kein Geld, um sie auch zu nutzen. Wir würden gerne kirchliche Schulen einrichten oder auch karitative Zentren.“

Geplant: zwei riesige Gottesdienste unter freiem Himmel

Beim Papstbesuch stehen derartige strittige Fragen nicht auf der Agenda, obwohl sich Benedikt XVI. mit Tschechiens Staatschef Vaclav Klaus und weiteren Spitzenpolitikern trifft. Im Mittelpunkt seines Besuches stehen zwei riesige Gottesdienste unter freiem Himmel. Einen davon wird der Papst im mährischen Brünn zelebrieren, ganz im Süden von Tschechien. Der andere soll in Stara Boleslav (Altbunzlau) nahe Prag stattfinden. Dieser Ort ist symbolträchtig gewählt: Die Stadt mit ihren 16 000 Einwohnern ist im 17. Jahrhundert dank der Jesuiten aufgeblüht und zu einem Wallfahrtsort geworden. Hier wurde der Heilige Wenzel, der tschechische Nationalheilige, vor mehr als 1000 Jahren ermordet.

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