Politik : Tschechien

Tschechienflagge250.gif

Petra Hulova,
Generation 25



Frau Europa hat ihr Leben lang gern selbst lamentiert, dass die Tatsachen den eigenen Vorstellungen hinterher hinken. Über die Zukunft der EU wurde schon immer mit mehr Feuer diskutiert als über ihre Gegenwart. Heute mehr als früher. Heute werden nämlich auch diejenigen laut, denen sie früher gestohlen bleiben konnte. Deren Zank und Streit ist schließlich einer der wenigen sichtbaren Beweise ihrer Existenz. Mit so einer Masse an inneren Stimmen kann sie sich selbstverständlich schwer Klarheit über sich selbst verschaffen. Und kann sie sich das leisten? Wenn das Brot gebrochen wird, ist Frau Europa sicher dabei und die Verantwortung für die Entscheidungen wird ihr niemand abnehmen, egal auf wie viele Stimmen sie hören muss.

Die Autorin, Jahrgang 1979, ist eine der populärsten Schriftstellerinnen der jungen Generation Tschechiens. Übersetzt aus dem Tschechischen von Zuzana Weissbach.

Vladimír Špidla,
Generation 50

"Der Jugend gehört die Zukunft". Zumindest in Europa gehört die Zukunft den Alten. Aus den demographischen Prognosen ergibt sich eindeutig, dass es deutlich mehr ältere Menschen als je zuvor in Europa geben wird, wenn die Generation der "Baby Boomer" das Rentenalter erreicht. Dadurch wird die europäische Gesellschaft im Laufe der nächsten Jahrzehnte eine Veränderung erfahren. Die Einstellung gegenüber Altersdiskriminierung wird sich ändern müssen, da diejenigen, die heute als "ältere Arbeitnehmer" gelten - Menschen über 50 - näher an den Altersdurchschnitt in vielen Berufen heranrücken werden.

Ich hoffe, dass die europäischen Gesellschaften in der Lage sein werden, das Beste aus den positiven Aspekten dieser Veränderungen zu machen, während sie gleichzeitig entschieden handeln, um die Herausforderungen, die der Wandel ebenfalls mit sich bringt, zu bewältigen. Wir werden unsere Sozialpolitiken an den Bedürfnissen von Menschen orientieren müssen, die besonderen Wert auf die Selbstbestimmung und Würde des Einzelnen legen, und nicht nur auf Sicherheit. Die zunehmende Achtung des Einzelnen sollte einhergehen mit verstärkten Bemühungen um die Einbeziehung von verletzlichen Bevölkerungsgruppen, von Migranten und Angehörigen ethnischer Minderheiten bis hin zu Menschen mit Behinderungen. Die Stabilität der öffentlichen Finanzen muss trotz der zunehmenden Zahl von Rentnern aufrechterhalten werden.

Außerdem müssen die europäischen Regierungen wie auch die Zivilgesellschaft neben dem sozialen Zusammenhalt auch das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit mit Nachdruck verfolgen. Der Schwund an Artenvielfalt, die Verschmutzung der Umwelt mit gefährlichen Chemikalien, die zunehmende Menge an Giftmüll, die Überfischung der Meere - all das sind reale Bedrohungen, die einen viel verantwortungsvolleren Ansatz künftig erforderlich machen.

Schlussendlich wird das Europa der Zukunft gewiss keine Insel sein. Weder der Klimawandel noch die globale Armut machen an den Grenzen Halt. Ich hoffe daher, dass das Europa der Zukunft sowohl im Bereich des Umweltschutzes als auch bei der Entwicklung einer humanen Gesellschaft verstärkt mit gutem Beispiel für die ganze Welt vorangehen wird.

Der Autor, Jahrgang 1951, übte nach Studium und Promotion in Geschichte an der Karlsuniversität Prag bis zur Samtenen Revolution 1989 verschiedene Tätigkeiten häufig als einfacher Arbeiter aus. Von 2002-2004 war er Ministerpräsident Tschechiens und ist seitdem EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit.

Jan Sokol,
Generation 75

Für uns hier ging der Krieg nicht 1945, sondern eigentlich erst 1989 zu Ende, und so bleibt die EU für mich einfach ein Wunder. Wer hätte so etwas vor 60 Jahren geglaubt?

Die EU ist zwar ein Wunder, jedoch kein Sieg, sondern eine Herausforderung, eine Aufgabe, ein Autfrag. Sie fing an als Preventivmittel gegen Kriege, entwickelte sich zum wirtschaftlichem Erfolg - und weiss jetzt nicht, wie weiter. Sie braucht ihren Zusammenhalt zu vertiefen, ohne ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt zu verlieren. Ihre unlösbare Aufgabe, ihre Quadratur des Kreises besteht darin, ein demokratisches politisches Gebilde aufzubauen, dessen Bürger sich mehrheitlich nicht verständigen können. Die europäische Mosaik kann unmöglich bloss von oben her vereinigt werden, sondern müsste zunächst überall geduldig zusammengenäht werden.

Für schwierige Probleme haben unsere Vorfahren eine einzigartige Methode gefunden. Sie besteht in einer systematischen Kultivierung der Neugier - die anderswo nur Kindern toleriert wird - bis zum Greisenalter; das ist das Programm der europäischen Bildung.

Die wichtigste Aufgabe der EU besteht für die Zukunft darin, diese Neugier zu wecken und hauptsächlich an die jeweiligen Nachbarn zu lenken in einem Programm zur Förderung von: Mehrsprachigkeit, Jugendaustausch, grenzüberschreitender Bildungsprogramme,gemeinsamer Unternehmen jeder Art, Kultur, die über die Grenzen reicht, Übersetzungen. Europa soll zum Kontinent einer kultivierten Neugier werden, wie sie es in ihren besten Zeiten war.

Der Autor, Jahrgang 1936, ist Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Karlsuniversität Prag.



Bohumil Doležal

Unter dem Gesichtpunkt der Verteilung auf 25-Jährige bis 75-Jährige gehöre ich zu einer Zwischengeneration. Im Jahre 1945 war ich fünf Jahre alt. Ausserdem lebte ich in einem Land, das von den Greueln des Krieges im Grunde verschont geblieben ist. Der Zweite Weltkrieg bedeutet für mich kein praktisches Erlebnis. Durch ein Zusammentreffen der Umständen geriet ich auf die falsche Seite des eisernen Vorhanges. 40Jahre lang war für mich Wien praktisch ebenso entfernt wie Kuala Lumpur, obwohl die Fahrt von Prag dorthin jetzt nur dreieinhalb Stunden dauert.

Ich sehe die Zukunft Europas aus dieser Perspektive. Vereintes Europa bedeutet für mich die Hoffnung, dass es sich dieses Erlebnis nie wiederholen wird, weder für mich, noch für meine jüngeren Landsleute. Dieser Wunsch hat eine besondere Inständigkeit heute, wenn sich in Russland wieder die unbewältigte Vergangenheit zum Wort meldet. Und Europa bedeutet für mich zugleich die Angst, dass sich unter neuen Umständen die Ereignisse des Jahres 1938 wiederholen könnten, wo uns unsere Verbündeten dem Feind preisgegeben haben. Die Hoffnung stellt für mich ein vereintes Europa, das eng und loyal mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeitet, vor. Und ich weiß wohl, dass man nur dann Hilfe und Fürsprache erwarten kann, wenn man sich selbst in seiner tagtäglichen Politik als nützlicher Verbündeter beweist. Ich möchte hoffen, dass auch die führenden tschechischen Politiker sich dessen bewusst sind. Leider fällt mir eben dies verhältnismässig schwer.

Der Autor, Jahrgang 1940, istJournalist und Herausgeber der Internetenzeitschrift "Události".

0 Kommentare

Neuester Kommentar