Politik : Tschechischer TV-Streik: Ein Streit um Macht und Millionen

Ludmila Rakusan

Der politische Streit um den neuen Direktor des tschechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens CT, Jiri Hodac, spitzt sich weiter zu. Die Chefs von vier Parlamentsparteien fanden am Dienstag in Prag zu keiner einvernehmlichen Lösung. Die Redakteure streiken weiter gegen den neuen Chef, jetzt nicht nur in Prag, sondern auch im Studio Brno (Brünn).

Der Parlamentsvorsitzende Vaclav Klaus, der diese erste politische Verhandlungsrunde in der nun seit zwei Wochen eskalierenden Krise initiierte, schlug keinen brauchbaren Kompromiss vor. Nach seiner Vorstellung sollten Parlamentarier zwischen dem neuen Fernsehdirektor Hodac und den Fernsehangestellten mit dem Ziel vermitteln, die Übernahme des Senders durch Hodac zu gewährleisten. Im Gegenzug sollte Hodac von geplanten Kündigungen Abstand nehmen. Wäre dies gescheitert, hätten laut Klaus beide Seiten, also Hodac und die aufständischen Manager und Redakteure, das Fernsehen verlassen müssen.

Die Ereignisse in Tschechien scheinen solchen Vorschlägen indes längst voraus zu sein. Die Forderung nach Rücktritt Hodacs, der vor Weihnachten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Fernsehrat eingesetzt wurde, kommt nicht nur von den Volksdemokraten KDU-CSL und der Freiheitsunion US, sondern auch von den regierenden Sozialdemokraten. Hodac selbst steht der Bürgerlich Demokratischen Partei ODS von Vaclav Klaus nahe. Regierungschef Milos Zeman, von der ODS an der Macht gehalten, ging auf Tauchstation.

Hinter den Streikaufruf der CT-Belegschaft, die sich zu fast 80 Prozent gegen Hodac ausgesprochen hat, hatten sich Anfang der Woche auch alle wichtigen Gewerkschaften gestellt. Tausende Zuschauer pilgern jeden Abend vor das CT-Hauptquartier in Prag und die regionalen Studios in Brünn und Ostrau, um Solidarität zu bekunden. Die Lage der rund 50 Redakteure im Prager Nachrichtenraum verschlimmert sich allerdings von Stunde zur Stunde: Da sie ab Silvester von Hodacs Sicherheitsdienst an der Rückkehr zu ihren Arbeitsplätzen gehindert worden wären, haben sie diese erst gar nicht verlassen und werden nun durch Fenster im ersten Stockwerk mit dem Nötigsten versorgt. Für Mittwochnachmittag ist eine große Demonstration auf dem Prager Wenzelsplatz geplant.

Womöglich geht es im gegenwärtigen Kampf nicht nur um Ideale, sondern auch um Milliarden. In der Ausschreibung um diekünftige Verbreitung des digitalen CT-Signals siegte unlängst nicht die überwiegend dem Staat gehörende Firma Tschechische Radiokommunikationen, die das CT-Signal bisher analog ausstrahlt, sondern überraschend die tschechische Telekom. Hodacs Vorgänger wurde jedoch gefeuert, bevor er den Vertrag unterschreiben konnte. Ein neues Auswahlverfahren ist jetzt nicht ausgeschlossen, zumal Hodac eine gründliche Kontrolle jeglicher Wirtschaftsentscheidungen der früheren CT-Leitung angekündigt hat. Im Ringen um das Sendesignal steht die Firma Tschechische Radiokommunikationen ganz auf Hodacs Seite. Ihre Angestellten hindern zurzeit die meisten tschechischen Fernsehzuschauer am Empfang von Livesendungen, die in den CT-Studios trotz allem noch pünktlich und nach Sendeplan produziert werden. Stattdessen strahlt die Firma amateurhafte Nachrichten von Hodacs Team aus, sonst auch einen schwarzen Bildschirm mit dem Hinweis, dass "nicht berechtigte Personen eine legale Sendung unmöglich machen". Die Originalsendungen können dagegen nur über Kabelanschluss, also von nicht einmal 20 Prozent der Zuschauer empfangen werden.

Das Digitalzeitalter wird in Tschechien zwar nicht vor 2010 bis 2012 erwartet, die Frequenzen jedoch sollen in Europa bereits in zwei Jahren verteilt werden. Da mit dem digitalen Fernsehen eine Explosion von kommerziellen Sendern mit entsprechender Verteilung und daher einer Minderung der Werbeeinnahmen gerechnet wird, gleicht die Lizenz für die digitale Ausstrahlung von öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen einem Sechser im Lotto: Fernseh- und Rundfunkgebühren garantieren eine dauerhafte Einnahmequelle.

Rückendeckung erhält der neue CT-Direktor außerdem vom Chef des erfolgreichen tschechischen Privatfernsehens "Nova", Vladimir Zelezny, der zum einflussreichsten tschechischen Medienzaren aufgestiegen ist. Er sieht die Chance, über Hodac im öffentlich-rechtlichen TV mitreden zu können.

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