Politik : Tschernobyl: Sanierung gesichert - die Zukunft auch?

Ingrid Müller

Muss das Aus für den Katastrophenreaktor von Tschernobyl zum Jahresende Umweltschützern die Schweißperlen auf die Stirn treiben? Müssen sich die Mahner vor dem sehnlich erhofften Aus für die Finanzierung der "K2R4" genannten atomaren Ersatzvariante durch den Westen fürchten? Fast sah es am Tag vor der Geberkonferenz für die Sanierung des maroden Sarkophags so aus, als wäre mancher Verfechter ungefährlicher Alternativen nicht ganz glücklich.

Vertreter aus rund 40 Staaten beraten am heutigen Mittwoch auf Einladung von Bundeskanzler Schröder in Berlin über die Sanierung. Schon am Dienstag sickerte eine gute Nachricht durch: Die EU und die sieben führenden Industrienationen G 7 verdoppeln ihre Hilfszusagen von 300 auf 600 Millionen Dollar, darunter Deutschland von 23,6 auf 47,2 Millionen. Insgesamt soll das Projekt 770 Millionen kosten. Die Finanzierungslücke beziffert der Kiewer Premier Juschtschenko, der auch in Berlin erwartet wird, noch auf 28 Millionen.

Greenpeace lobte die Sammelaktion, warnte aber auch vor gefährlicher Flickschusterei. Und der Berliner Energieexperte des Öko-Instituts, Felix Matthes, äußerte "ernsthafte Befürchtungen". Die Geber müssten jetzt die Finanzierung des atomaren Ersatzes K2R4 ad acta legen. Dabei aber, warnte er, dürfe es nicht bleiben. Er sieht schon ein neues Problem: Der Westen könnte das Interesse an der Finanzierung anderer Energiequellen in der Ukraine verlieren, wenn das symbolträchtige Tschernobyl aus den Augen der Öffentlichkeit schwindet. Wie strikt wird dann das Aus für die verbleibenden Meiler vom Typ Tschernobyl vorangetrieben, die etwa noch in Litauen stehen?

Deshalb, mahnt Matthes, müssten die Kreditgeber jetzt klar machen, dass sie die gleiche Summe wie sie für K2R4 geplant wurde, für Gaskraftwerke und Einsparmöglichkeiten investieren werden. "Sonst versinkt das im politischen Chaos." Die Befürchtung ihres Kollegen, der Westen könnte die Summe zusammenstreichen, teilen Veit Bürger und Tobias Münchmeyer von Greenpeace nicht. Die Ukraine sei ein wichtiges Land, das der Westen nicht an Russland "zurückgeben" wolle.

Nicht nur Sicherheitsbedenken führen die Experten gegen K2R4 an. Es handele sich auch nicht um die wirtschaftlichste Variante. Mehrere Seiten hätten bestätigt, dass K2R4 500 Millionen Dollar teurer werde, sagte Münchmeyer. Ein Gaskraftwerk koste 800 Millionen. Die gleiche Summe sollte man in Energiesparprogramme stecken - zum Beispiel in die Dämmung von Häusern.

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