Tschernobyl : Wo die Bäume langsam wachsen

Geld ist da für Naturstudien rings um den Meiler – nicht für die über Menschen.

Strahlung kann man nicht sehen. Nicht einmal in der Sperrzone rund um das explodierte Atomkraftwerk Tschernobyl sind auf den ersten Blick Veränderungen zu erkennen. Die Landschaft sieht aus wie viele Heidelandschaften in der Ukraine oder in Weißrussland. Tatsächlich gibt es Tier- und Pflanzenarten, die mit der Strahlung zurechtkommen können. Nur eines ist allen Bäumen in der Sperrzone gemeinsam: Sie wachsen langsamer als in den unverstrahlten Gebieten.

Bei der größten Tierzählung, die bisher im Sperrgebiet stattgefunden hat, hat eine Wissenschaftlergruppe aus den USA herausgefunden, dass insbesondere Vögel Probleme mit der Anpassung an die radioaktive Strahlung haben. Ihre Gehirne waren kleiner als die der Artgenossen in unverstrahlten Gebieten. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Jungvögel sich nicht normal entwickeln können.

Wie Menschen mit einer lang andauernden relativ niedrigen Strahlenbelastung zurechtkommen, gehört in der Wissenschaft zu den weiterhin sehr umstrittenen Fragen. Die Forschungsberichte der Tschernobyl-Forscher im Auftrag der Vereinten Nationen haben sich damit nicht befasst. Wladimir Schulyak, ein ukrainischer Wissenschaftler, der seit 25 Jahren in einer der verstrahlten Regionen etwa 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt arbeitet, hat solche Forschungen dagegen jahrelang trotz geringer finanzieller Mittel aufrechterhalten. Mehr als 20 Jahre lang hat er jedes Jahr Lebensmittel auf ihre Strahlenbelastung untersucht, und die Werte in die Hauptstadt geschickt, wo ein jährlicher Monitoringbericht zusammengestellt wurde, der auch die Informationen aus den anderen belasteten Regionen enthielt. Seit zwei Jahren hat es keinen Monitoringbericht mehr gegeben, und Geld bekommt Schulyak inzwischen gar keines mehr dafür. Inzwischen ist das Untersuchungsprogramm völlig eingestellt, berichtete er vor wenigen Tagen in Kiew. Den Verdacht, dass da eine Absicht dahinter stehen könnte, äußert Schulyak nicht. Denn die Ukraine ist so hart von der Finanzkrise getroffen worden, dass sämtliche Haushaltsposten dramatisch zusammengestrichen wurden. Aber auffällig ist schon, dass es westliche Fördermittel für die Ökosystemforschung im Sperrgebiet gibt, aber offenbar nicht für eine kontinuierliche Beobachtung der Langzeitfolgen der Katastrophe auf die Gesundheit der Menschen.

Bewältigt sind die Folgen der Katastrophe rund um die Reaktoren in Tschernobyl jedenfalls noch lange nicht. Große international unterstützte Anstrengungen gibt es, den instabilen Sarkophag über dem ausgebrannten Reaktor vier zu ersetzen. Auf dem Gelände gibt es aber nach Angaben des früheren Kraftwerksleiters Michail Umanez etwa 800 irreguläre Zwischenlager von Atommüll. Damit meint er kontaminierte Maschinen, die einfach vergraben wurden, um zu verhindern, dass Plünderer die stark strahlenden Metalle auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Es geht aber auch um Trümmerteile von der Explosion, die weit verstreut einfach mit Erde bedeckt worden sind. An eine Sanierung dieser Strahlenquellen ist bisher noch nicht einmal gedacht.

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