Politik : Tschetschenien: Die abtrünnige Republik bombt sich in Russlands Gedächtnis zurück

Elke Windisch

Moskau, Sonntagabend. Es ist 19 Uhr 50. In der Kaserne von Argun, einer Kreisstadt 15 Kilometer südöstlich von Grosny, haben es sich ein paar Soldaten auf den Feldbetten bequem gemacht, andere rauchen. Die meisten aber packen bereits die Rucksäcke. Morgen, spätestens übermorgen, soll es nach Hause gehen. Nach Tscheljabinsk im Südural. Die sechsmonatige "Kommandirowka", die Dienstreise nach Tschetschenien, ist vorbei.

19 Uhr 59. Der Posten draußen vor dem Schilderhäuschen am Eingang zur Kaserne vertritt sich ein bisschen die Beine. Alles ringsum atmet Frieden. In den Gärten biegen sich die Aprikosenbäume unter der Last der Früchte. Frauen wässern die Gurken und die Tomaten in den Gärten, Männer sitzen rauchend vor den Häusern. Die abendliche Stille stört nur ein schwerer Militärlaster, der über die holprige Straße fegt. Ehe der Posten nur annähernd begreifen kann, was vor sich geht, durchbricht der LKW die Absperrung, rast mit vollem Tempo auf die Kaserne zu. Sekunden später züngeln Stichflammen, dann folgt ein ohrenbetäubender Knall.

Als die Druckwelle abebbt, ist nichts mehr, wie es war: Stahlverstrebungen ragen aus dem eingestürzten Mauerwerk. Die Wucht der Explosion hat Betonbrocken durch die Luft wirbeln lassen. Rauchwolken wabern über den Krater, der etwa zehn Meter breit und vielleicht fünf Meter tief ist. In ersten Meldungen, die am Montagvormittag erscheinen, ist zunächst von 26 Toten die Rede, dann von 36. Reporter des unabhängigen TV-Senders NTW sprechen von 50 Opfern.

Mindestens 500 Kilogramm Sprengstoff waren im Laderaum des Lasters gebunkert, von dem nur ein Haufen verglühten Metalls übrig ist. Am Steuer saß ein "Kamikaze". So heißen im russischen Polizeijargon die todesbereiten tschetschenischen Freischärler. Meist sind es radikale Islamisten, die alles auf eine Karte setzen: Die Imame der Wachabbiten - religiöse Fanatiker, die von einem islamischen Weltreich träumen - haben ihren Anhängern garantiert, dass jeder, der auch nur einen Ungläubigen mit in den eigenen Tod reißt, sofort und ohne Umwege ins Paradies gelangt.

Der Anschlag in Argun ist nicht der einzige an diesem Abend. Insgesamt fünf Mal knallt es in der Nacht zum Montag in Tschetschenien. In Gudermes, dem gegenwärtigen Verwaltungszentrum von Tschetschenien, sterben fünf Soldaten eines Aufklärungsbataillons und acht Zivilisten. Zu den Anschlägen in drei weiteren Ortschaften der angeblich längst befriedeten und "befreiten" Republik wollen sich die Offiziellen nicht äußern. Die Verluste seien zahlreich gewesen, heißt es nur. Die Nachrichtenagentur Itar-Tass kommt - vorläufig - auf 44 Tote und etwa 120 Verwundete.

Das Szenario war bei allen Anschläge dasselbe: Gegen 20 Uhr explodiert ein Sprengsatz in einer Kaserne, dann nehmen tschetschenische Einheiten die Objekte mit Maschinengewehren und Minenwerfern unter Beschuss. In Russlands Führungsetagen herrscht daher tiefe Ratlosigkeit: So planvoll und koordiniert handelt kein demoralisierter und zerstreuter Gegner. Und überhaupt: Addiert man die Meldungen der Generäle über Verluste, die Moskau den Tschetschenen angeblich beigebracht hat, müsste eigentlich nicht nur die abtrünnige Republik, sondern der gesamte Nordkaukasus längst entvölkert sein.

Moskau ist alarmiert. Auf einmal sind die Erinnerungen an den heißen Herbst des vergangenen Jahres wieder lebendig: Innerhalb weniger Tage kamen bei Sprengstoffanschlägen auf drei Wohnhäuser in der Hauptstadt über 300 Menschen ums Leben. Tschetschenen sollen die Urheber der Attentate sein. Auch wenn man das noch immer nicht genau sagen kann, fürchten nun viele, dass sich Ähnliches diesen Sommer wiederholen könnte. Voller Misstrauen wird nun jeder junge Mann mit kaukasischen Gesichtszügen betrachtet, der eine Plastiktüte in den Papierkorb wirft. Es könnte eine Sprengladung sein.

Wladimir Putin hatte seine Wähler mit dem Versprechen geködert, die islamischen Terroristen "gegebenenfalls auf dem Lokus zu massakrieren". Doch auf ein erlösendes Wort von ihm warten die Moskowiter vergeblich. Der Herr des Kremls rafft sich nur zu Beileidsbekundungen gegenüber den Hinterbliebenen auf. Eine Krisensitzung mit den wichtigsten Ministern endet ohne nennenswerte Ergebnisse. Mit Truppen, gibt Putins Sprecher Sergej Jastrschembski kleinlaut zu, sei den Extremisten nicht beizukommen. Sie seien in kleinen Gruppen organisiert und extrem mobil.

Der Tschetschenien-Krieg ist in Vergessenheit geraten, aber er ist nicht beendet, schon gar nicht hat der Kreml ihn gewonnen. Dabei hatten Experten immer wieder gewarnt: Wenn Moskau das Tschetschenien-Problem nicht durch politische Verhandlungen löse, drohe ein Partisanenkrieg, dessen Ende nicht abzusehen sei.

"Sie hassen uns", sagt Leutnant Alexej Fomin, der an Säuberungsaktionen in tschetschenischen Dörfern teilgenommen hat und jetzt in Moskau auf Kurzurlaub ist: "Sogar zehnjährige Rotznasen. Die tun so, als ob sie sich für Technik interessieren und winken uns manchmal sogar zu. Dabei melden sie den Kämpfern unsere Truppenbewegungen."

Moskau hätte anfangs gute Chancen gehabt, die Tschetschenen für sich einzunehmen, meint Fomin. Aber nach den Massenerschießungen von Zivilisten, Folterungen und Plünderungen sei es damit vorbei.

Auch zu Hause träumt Fomin nachts immer wieder von Tschetschenien: von den menschenleeren Dorfstraßen, von schemenhaften Gestalten hinter heruntergelassenen Fensterläden, von Augenpaaren hinter den Ritzen fest verrammelter Hoftore. Stechende dunkle Augen, die jeden Schritt draußen aufmerksam verfolgen. "Man zieht unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern", sagt der Leutnant. "Und man wünscht sich ganz weit weg. Mit Gewalt richten wir da nichts aus."

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