Politik : Tschetschenien-Krieg: Ein Scheinerfolg zum Jahrestag

Elke Windisch

Die Nachrichten-Moderatorin des russischen Staatsfernsehens überschlug sich fast in Anbetracht der angeblichen Sensation: Gestern hatte sich einer der einflussreichsten Feldkommandeure der Tschetschenen den Regierungstruppen ergeben - Ibrahim Chultigow, der in der Regierung von Präsident Aslan Maschadow Sicherheitschef war. Ein Scheinerfolg, mit dem der Kreml von der Tatsache ablenken will, das Moskau seinem erklärten Ziel - dauerhafte Stabilität im Nordkaukasus - nach fast einjährigem Krieg nicht wesentlich näher gekommen ist.

Denn auch am Jahrestag des Kriegsbeginns im russischen Nordkaukasus war die Lage in Tschetschenien am Montag angespannt. Durch russische Luftangriffe auf Rebellenlager wurden am Wochenende bis zu 160 Kämpfer getötet. Und in der Nähe des Wohnhauses des von Moskau eingesetzten Verwaltungschefs für Tschetschenien, Achmed Kadyrow, in dem Dorf Zentoroi wurde ein schwerer Sprengsatz entschärft.

Anfang August 1999 hatten etwa 5000 islamische Gotteskrieger mehrere Dörfer im Vielvölkerstaat Dagestan besetzt. Dagestan ist Russlands ärmste Teilrepublik. Sie grenzt an Tschetschenien und war genau wie dieses im XIX. Jahrhundert Zentrum islamisch geprägter Befreiungskriege gegen Russland. Entgegen der offiziellen russischen Darstellung handelte es sich bei den Mujaheddin keineswegs nur um tschetschenische Freischärler und Söldner aus arabischen Staaten. Gut die Hälfte, das räumten sogar Insider wie Ex-Nationalitätenminister Ramazan Abdulatipow ein, waren Dagestaner, die aus purer Verzweiflung zu den Waffen griffen: Das Bruttosozialprodukt Dagestans beträgt weniger als ein Drittel des russischen Durchschnitts, die Arbeitslosenrate liegt zwischen 70 und 90 Prozent.

Außerdem deutet vieles darauf hin, dass Moskau selbst die Invasion provozierte. Erste Hinweise auf einschlägige Pläne gingen den Geheimdiensten bereits im März 1998 zu, dennoch geschah nichts: Moskau, so der Kovorsitzende des oppositionellen "Kongreses der Völker Dagestans", Ibrahim Raschidow, brauchte einen plausiblen Vorwand für einen neuen Tschetschenienkrieg, um die mit Jelzins Außen- und Sicherheitspolitik zunehmend unzufriedene Generalität auf Linie zu trimmen. Dagestan aber war als Nebenkriegsschauplatz deshalb unverzichtbar, weil die Bevölkerung im erstem Kaukasuskrieg mehrheitlich die nach Unabhängigkeit strebenden Nachbarn unterstützte. Nun, so das Kalkül des Kreml, würden die Dagestanis alle Schuld für die Bomben, die Russlands Luftwaffe auf ihre Dörfer abwarf, den Tschetschenen anlasten und Moskau bekäme dadurch ein stabiles Hinterland.

Das Gegenteil ist der Fall: Dagestan wird momentan durch eine Reihe von Sprengstoffanschlägen erschüttert, Widerstand gegen Moskaus Nationalitätenpolitik regt sich zunehmend auch in den anderen nordkaukasischen Teilrepubliken. Und in Tschetschenien selbst tobt ein Partisanenkrieg, der den Kreml noch auf Jahre in Atem halten dürfte. Sogar handzahme Zeitungen wie die "Iswestija" werfen Kreml und Regierung inzwischen vor, in Tschetschenien immer wieder in Fangeisen zu tappen, die ihnen schon beim ersten Krieg Mitte der Neunziger zum Verhängnis wurden: Der ehemalige Mufti Tschetscheniens, Ahmad Hadschi Kadyrow, den Wladimir Putin Mitte Juni zum Verwaltungschef der Republik ernannte, meint das Blatt, könne mit seiner Autorität eine politische Lösung des Konfliktes nur begünstigen, nicht jedoch den eigentlichen Verhandlungsprozess ersetzen. Moskau müsse sich mit "seinen aggressivsten Gegnern an den Tisch setzen". Rede man mit Leuten wie Kadyrow, die ohnehin loyal sind, verhandele man mit sich selbst.

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