Politik : Tschetschenien-Krieg: Eine wundersame Vermehrung der Feinde

Elke Windisch

Die russische Presse vermutete zunächst einen Versprecher: Moskaus Truppen, so Geheimdienstchef Nikolaj Patruschew, den Putin am 22. Januar an Stelle von Verteidigungsminister Igor Sergejew zum Oberbefehlshaber der "Anti-Terror-Operation" in Tschetschenien ernannte, stünden dort 5000 Kämpfer gegenüber, 1500 davon seien "unbekehrbar". Genau diese Zahlen nannte Moskau schon im Oktober 1999 zu Beginn des zweiten Tschetschenien-Feldzugs. Verheerende Misserfolge in den ersten Kriegswochen zwangen den Kreml jedoch, die Personalstärke des Gegners peu à peu nach oben zu korrigieren, um die Verluste in den eigenen Reihen - pro Monat mit bis zu 200 Gefallenen mehr als Anfang der Achtziger in Afghanistan - der schockierten Öffentlichkeit halbwegs plausibel erklären zu können.

Vor gut einem Jahr, nach dem zweiten Sturm von Grosny, waren es daher laut offizieller Darstellung 13 000 Kämpfer, die Moskau angeblich "liquidiert" haben wollte. Im Frühsommer, als Verteidigungsminister Sergejew mehrfach das "unmittelbar bevorstehende Ende der militärischen Opposition" verkündete, war von 1500 bis 2000 Rebellen die Rede. Dass Geheimdienstchef Pastruschew nun wieder von wieder doppelt so vielen ausgeht, hat taktische Gründe.

Um dem Europarat den Wind aus den Segeln zu nehmen, der dem Kreml lange "Unangemessenheit der Kampfmethoden" vorgeworfen hatte, was Russlands Parlamentariern für ein Jahr den Verlust des Stimmrechtes in Straßburg eintrug, hatte Putin unmittelbar vor der Tagung der Parlamentarischen Versammlung eine Reduzierung der militärischen Präsenz in Tschetschenien verfügt. Die Operation, so Putin, werde "mit anderen Kräften und Mitteln fortgeführt"."

Als Lokaltermin für die "Endlösung der Tschetschenienfrage" setzte Putin den 15. Mai fest. Kann Patruschew dann nicht den Vollzug melden, rettet ihn - wenn überhaupt - nur eines vor dem Absturz: Bilanztrickserei, die den Feind für übermächtig erklärt. Und dies je früher desto besser, denn gewinnen kann Moskau den Krieg im Kaukasus weder mit militärischen noch geheimdienstlichen Mitteln, wie sie Putin in letzter Zeit beängstigend oft als ultima ratio und Allzweckwaffe einsetzt.

Immerhin stehen in Tschetschenien gegenwärtig rund 80 000 russische Soldaten. Daran wird sich auch nach dem Teilabzug nichts ändern: Panzer und schwere Artillerie werden lediglich durch Anti-Terror-Einheiten des Föderalen Sicherheitsdienstes FSB und für den Bürgerkrieg gedrillte Truppen des Innenministeriums ersetzt. Die Kontingente der Luftwaffe sollen sogar noch aufgestockt werden.

Umgekehrt proportional zum Aufwand verhalten sich indes die Erfolge. Fast täglich gibt es Rebellen-Überfälle auf russische Militärkolonnen und Anschläge auf die von Moskau eingesetzte Verwaltung in Tschetschenien. Experten hatten von Anfang an vor einem Partisanenkrieg gewarnt, bei dem die Fronten kreuz und quer verlaufen und die Freischärler, von denen die Mehrheit als scheinbar friedliche Bürger getarnt, aus den Bergen in Dörfer zurückgekehrt ist, überall und nirgends sind. Und selbst aus der Moskau-treuen Verwaltung Tschetscheniens heißt es: "Gegen Russlands Armee kämpfen nicht Banden, sondern ein Volk."

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