Tschetschenien : Rebellenführer Bassajew getötet

Eine russische Spezialeinheit hat offenbar den Anführer der tschetschenischen Rebellen, Schamil Bassajew, getötet. Er soll sich an dutzenden Anschlägen beteiligt haben, darunter die Geiselnahme in einem Moskauer Theater im Jahr 2002.

Grosny - Der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew ist nach russischen Angaben tot. Eine Sondereinheit der russischen Armee habe Russlands Staatsfeind Nummer eins in der Nacht zu Montag bei einer «Spezialoperation» in Inguschetien getötet, sagte der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Nikolai Patruschew, bei einem vom Fernsehsender NTW übertragenen Treffen mit Präsident Wladimir Putin. Der Drahtzieher des Geiseldramas von Beslan war nach Angaben Patruschews dabei, Anschläge im Vorfeld des G-8-Gipfels vorzubereiten, der am Samstag in St. Petersburg beginnt. Bassajew habe seine «gerechte Strafe» für zahlreiche Attentate erhalten, sagte Putin. Die Rebellenführung lehnte eine Erklärung vorerst ab.

Eine russische Spezialeinheit habe Bassajew zusammen mit anderen «Banditen» während der Vorbereitung weiterer Anschläge vor dem G-8-Gipfel getötet, sagte FSB-Chef Patruschew. Der Warlord habe mit dem Attentat «politischen Druck» auf die russische Führung ausüben wollen. «Diese Banditen» hätten den Tod verdient «für unsere Kinder in Beslan, (...) für alle Terrorangriffe in Moskau und anderen Regionen Russlands, in Inguschetien und Tschetschenien», sagte Putin. Seine Stimme zitterte, als er das Geiseldrama von Beslan erwähnte. Die terroristische Bedrohung sei weiter «sehr groß», warnte der russische Staatschef.

Anders als bei den von russischen Spezialkräften getöteten unabhängigen tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow und Abdulchalim Saidullajew zeigten die russischen Behörden keine Bilder des Leichnams Bassajews. Nach Angaben des inguschetischen Vize-Regierungschefs Baschir Ajuschew wurde der Kriegsherr bei der Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Lasters getötet. Bassajew habe sich in einem Begleitwagen befunden, sagte Ajuschew der Nachrichtenagentur Interfax. Mit ihm seien drei Männer gestorben. Ihre Leichname seien durch die Wucht der Detonation zerrissen worden. Bassajew, dessen Gesicht intakt geblieben sei, sei identifiziert worden, teilte die inguschetische Polizei mit.

Der pro-russische tschetschenische Regierungschef Ramsan Kadyrow bezeichnete die Tötung Bassajews als «große Freude für die tschetschenische Nation». Er bedaure, «nicht persönlich an der Operation zu seiner Tötung teilgenommen zu haben», erklärte Kadyrow weiter. Die Führung der tschetschenischen Rebellen erklärte auf ihrer Webiste, sie enthalte sich vorerst «jeden Kommentars oder Erklärung». Die Nachricht der «Besatzer» über den Tod Bassajews wurde jedoch sehr schnell auf die Seite gestellt.

Die tschetschenische Rebellenbewegung hat mit Bassajew eine wichtige Führungspersönlichkeit verloren. Der 41-Jährige mit der Glatze und dem langen Bart, der auf Videos stets schwer bewaffnet und im Kampfanzug zu sehen war, kämpfte für ein von Russland unabhängiges Tschetschenien. Wegen seiner streng islamischen Gesinnung war er auch bei Landsleuten umstritten. Nach der Tötung Saidullajews war Doku Umarow von den Rebellen zum neuen unabhängigen Tschetschenenpräsidenten bestimmt worden. Er gilt aber als weithin unbekannt.

Bassajew stand auf den russischen Fahndungslisten an oberster Stelle. Er hatte sich zu zahlreichen Gewaltakten bekannt, darunter die Geiselnahmen in einem Moskauer Musical-Theater im Jahr 2002 und in einer Grundschule im südrussischen Beslan im September 2004, wo offiziell 331 Menschen ums Leben kamen. Auch für den tödlichen Anschlag auf den pro-russischen Tschetschenenpräsidenten Ahmad Kadyrow, den Vater Ramsans, im Jahr 2004 bekannte sich Bassajew.

In Tschetschenien, wo die russische Armee erstmals 1994 einmarschiert war, kämpfen Rebellen bis heute für die Unabhängigkeit von Moskau. In dem Konflikt starben schätzungsweise 100.000 Zivilisten. Menschenrechtsorganisationen prangern immer wieder das Klima der Rechtlosigkeit in dem Land an: Nach Schätzungen von Human Rights Watch verschwanden seit Herbst 1999 bis zu 5000 Menschen. In den meisten Fällen seien russische Soldaten oder pro-russische, tschetschenische Milizen die Täter gewesen. (tso/AFP)

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