Politik : Tschetschenien: Russische Militärs verhängen Ausgangssperre - Attentatswelle befürchtet

Aus Furcht vor weiteren Selbstmordanschlägen tschetschenischer Rebellen hat das russische Militär die Kaukasusrepublik hermetisch abgeriegelt. An den Kontrollpunkten rund um Tschetschenien durften am Dienstag nur noch Zivilisten zu Fuß einreisen. Die russischen Truppen verstärkten in der abtrünnigen Republik selbst die Befestigung von Kontrollstellen und Kasernen und verlegten weitere Einheiten sowie Panzerfahrzeuge nach Tschetschenien. Zudem gilt bis auf weiteres zwischen 21.00 Uhr abends und 07.00 Uhr morgens wieder eine Ausgangssperre. Während dieser Zeit würden Soldaten ohne Vorwarnung auf alle Fahrzeuge schießen, hieß es weiter. Die russische Militärführung im Kaukasus geriet ins Kreuzfeuer der Kritik. Der Inlandsgeheimdienst FSB und der Generalstab in Moskau warfen dem Kaukasus-Kommando Nachlässigkeit vor.

Nach offiziellen Informationen des russischen Vize-Generalstabschefs Waleri Manilow starben bei den fünf Selbstmordanschlägen auf russische Militäreinrichtungen nahe Grosny in der Nacht zum Montag 33 Menschen. 84 Menschen wurden verletzt. Die Rebellen hatten von mehr als 600 getöteten Soldaten gesprochen.Manilow betonte jedoch, dass die Streitkräfte "mit der Hauptgruppe der Rebellen im Sommer fertig werden". Die Rebellen hatten die Bombenanschläge indessen gerade in den Gebieten Tschetscheniens verübt, die nach offizieller Darstellung Moskaus von den russischen Truppen "gesäubert" worden waren. Das Kaukasus-Oberkommando warnte vor möglichen neuen Kamikaze-Anschlägen in den nächsten Tagen.

18 Verdächtige seien festgenommen worden, teilte der stellvertretende russische Innenminister Iwan Golubew mit. Allein der Anschlag in Argun östlich von Grosny hatte über 20 Menschenleben gefordert. Über ihre Website im Internet drohten die Rebellen mit weiteren Terroraktionen. Auf der Suche nach tschetschenischen Kämpfern durchkämmten russische Truppen Argun, wo der schwerste Anschlag verübt wurde. Zivilisten versuchten, die Stadt aus Angst vor Racheakten von Soldaten zu verlassen.

"Ein militärischer Sieg in Tschetschenien ist nicht mehr möglich", zitierte Interfax den einflussreichen Geschäftsmann und Duma- Abgeordneten Boris Beresowski, der nach Ende des ersten Tschetschenien-Kriegs 1996 zwischen Moskau und Grosny vermittelt hatte. Eine politische Lösung hätte schon zu Beginn dieses Jahres gefunden werden müssen, als die Russen militärische Erfolge gehabt hätten, sagte er. Die politische Beilegung müsse "beide Seiten" zufrieden stellen. Die ausstehende Beilegung des Konflikts drohe dem Ruf des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu schaden.

Die Rebellen haben Russland unterdessen ein Ultimatum gestellt. Rebellensprecher Mowladi Udugow verlangte am Dienstag die Überstellung eines russischen Offiziers, dem die Vergewaltigung und Ermordung einer 18-jährigen Tschetschenin zur Last gelegt wird, innerhalb von 72 Stunden. Andernfalls werde es neue "präzise Angriffe" gegen die in Tschetschenien stationierten russischen Truppen geben.

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