Politik : Tschetschenien verhängt den Ausnahmezustand

Die Rebellen müssen schwere Verluste hinnehmen. Die russischen Truppen setzen die Angriffe unvermindert fort

Bei heftigen Gefechten haben Regierungstruppen den Moslemrebellen in Dagestan am Wochenende schwere Verluste zugefügt. Etwa 60 Rebellen wurden in der Nacht zum Sonntag in einem Hinterhalt in den Bergen bei Gagatli getötet, wie ein Sprecher des Moskauer Innenministeriums in Machatschkala mitteilte. Dagestanische Soldaten sprengten dort eine Steinlawine, unter der die Aufständischen verschüttet wurden. Zuvor hatten die Behörden bereits den Tod von 21 Rebellen und drei dagestanischen Soldaten gemeldet. Die russischen Truppen setzten ihre Luft- und Artillerieangriffe fort. In Tschetschenien wurde wegen der Situation im Nachbarland der Ausnahmezustand verhängt. Der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow beschuldigte Moskau, Tschetschenien in einen neuen Kaukasus-Krieg hineinziehen zu wollen.

Maschadow versetzte die tschetschenischen Truppen in Alarmbereitschaft. Er verhängte eine nächtliche Ausgangssperre über das Land. Jegliche nicht genehmigte Versammlung wurde verboten. Akkreditierungen für Journalisten sowie Lizenzen für private Radio- und Fernsehanbieter wurden nach Angaben des Präsidialamtes in Grosny vorerst außer Kraft gesetzt. Die russische Regierung hatte am Sonnabend ihre Drohung wahrgemacht und im Kampf gegen Moslemrebellen in Dagestan auch Ziele im benachbarten Tschetschenien bombardiert. Maschadow warf Russland vor, seine militärischen Operationen auf Tschetschenien ausgedehnt zu haben. Der geschäftsführende russische Ministerpräsident Putin hatte angekündigt, dass die Rebellen "überall" bekämpft würden, auch in Tschetschenien.

Bei den getöteten Rebellen handelte es sich nach russischen Angaben um Tschetschenen, die den Aufständischen in Dagestan zur Hilfe geeilt seien. Die im Hinterhalt getötete Gruppe sei vom Bruder des tschetschenischen Kommandeurs Schamil Bassajew, Schirwani, angeführt worden. Seit Tagen versucht Moskau mit einer Großoffensive die moslemischen Rebellen in Dagestan zu besiegen, die dort eine Islamische Republik ausgerufen haben.

Unterstützung erhielt die Moskauer Regierung vom Moskauer Bürgermeister und aussichtsreichen Bewerber für das Präsidentenamt, Luschkow: Russland müsse "Gewalt anwenden", um die Krise in Dagestan zu beenden. Dagestan sei nicht Tschetschenien. Die Rebellen in Dagestan hätten nicht die Unterstützung der Bevölkerung. Der Tschetschenien-Krieg endete mit der faktischen Unabhängigkeit der Kaukasus-Republik.
© 1999

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