Politik : Tschetschenienkrieg: "Sogar zehnjährige Rotznasen hassen uns"

Elke Windisch

Hier könnte ein Film über den sowjetischen Bürgerkrieg Anfang der Zwanziger gedreht werden: Auf den Gleisen steht ein Panzerzug mit Maschinengewehren auf den Wagendächern. Soldaten in Tarnkleidung spannen vor die Uralt-Dampflok eine Draisine, um die sich ebenfalls jedes Museum reißen würde. Das Ungetüm soll im Ernstfall die erste Wucht der Sprengladung abfangen, die im Gleisbett lauern könnte. Keine Kino-Attrappe, sondern höchst realer Sprengstoff, mit dem Freischärler vor zwei Wochen hundert Meter Schienen der gerade erst notdürftig wieder hergerichteten nordkaukasischen Eisenbahn in die Luft fliegen ließen.

Das könnte sich jeden Moment wiederholen, fürchtet Oberleutnant Viktor Malinin: "Tschetschenien", sagt Malinin und guckt sich um, ob auch keiner mithört, "wird uns noch auf Jahre zu schaffen machen."

Malinin gehört zu den Glücklichen, denen Verteidigungsminister Igor Sergejew Anfang Juli den Schlüssel für eine nagelneue Zweizimmerwohnung in der Militärsiedlung bei Kalinowskaja übergab. Die Wohlstandsoase inmitten von Schutt und Asche ist das neue Domizil einer motorisierten Schützendivision, die zur 58. Armee gehört.

Russen richten sich auf Dauer ein

Moskau will Zeichen setzen: Im Frühjahr 1992, knapp sechs Monate, nachdem Tschetschenen-Präsident Dschochar Dudajew die Republik für unabhängig erklärte, räumten die Russen kampflos das Feld. Waffen, Munition und sogar schwere Kriegstechnik hatten sie zuvor meistbietend an die Tschetschenen verschachert. Jetzt sind sie dabei, sich hier erneut auf Dauer einzurichten. In der Siedlung gibt es neben Kasernen, einem Klub und einer Sauna sogar Geschäfte und etwas, was in Russland noch immer als seltener Glücksfall gilt: Wohnungen für die Familien der Offiziere.

Hellhäutige Frauen mit Kindern auf dem Arm stehen auf den Balkons. Mit vorgehaltener Hand schützen sie die Augen gegen die ungewohnt grelle Sonne des Südens und winken ihren Männer zu, wenn die mit Panzerspähwagen zur Terroristenjagd ausrücken.

In Kalinowskaja wohnen kaum Tschetschenen. Die Einwohner sind Nachfahren der Kosaken, die das Dorf vor 400 Jahren gründeten, als Moskau mit der Eroberung des Kaukasus begann. Die Viertausend-Seelen-Gemeinde gilt daher als einer der sichersten Orte Tschetscheniens. Eine ländliche Idylle, deren Frieden scheinbar durch nichts bedroht ist.

Doch kaum steigen die Abendnebel vom Fluss auf, erstirbt alles Leben auf der Dorfstraße. Ab 21 Uhr ist Ausgangssperre, und die Macht in Kalinowskaja hat nach wie vor nicht der Bürgermeister, sondern ein Militärkommandant, der sich lebhaft an Afghanistan erinnert fühlt. "Da haben sie sich morgens auch zur neuen Macht bekannt, und nachts die Kämpfer heimlich ins Dorf gelassen."

Sogar das "russische" Kalinowskaja wurde daher im Herbst "prophylaktisch gesäubert", wie der Dorfkommandant die allfälligen Strafexpeditionen verharmlost. In Gojty im Südwesten der Republik, wo fast ausschließlich Tschetschenen wohnen, rücken Rollkommandos bereits zum sechsten Mal ein.

Ruckzuck besetzt die Kompanie von Hauptmann Iwan Katyschew alle Dorfausgänge. Gruppen von vier bis fünf Soldaten schwärmen aus. Die Rolläden vor den Fenstern sind heruntergelassen, die Hoftore fest verrammelt. Katyschews Klopfen zerreißt die Totenstille wie ein Kanonenschlag.

Zwei Offiziere enthauptet

Ein handtellergroßes Klappfenster öffnet sich. Dahinter zwei große dunkle Augen. Schweigend schiebt Taissa einen Torflügel zurück. Schweigend verfolgt sie, wie die Russen Küche, Keller und Stall nach Waffen durchsuchen. Schweigend zeigt sie auf einen Tontopf, als Katyschew sie um Wasser bittet. Schweigend hält sie seinem Blick stand, als er nach ihrem Sohn fragt.

"Sie hassen uns", sagt Leutnant Sergej Bogdanow. "Sogar zehnjährige Rotznasen. Die tun so, als ob sie sich für unsere Technik interessieren und melden ihre Beobachtungen dann auf der anderen Seite der Front." Die aber ist in Tschetschenien momentan überall und nirgends.

Wie brutal der Kampf gegen die russischen Truppen geführt wird, wurde erst wieder am Freitag offenbar: Zwei seit Tagen in Tschetschenien vermisste russische Offiziere wurden enthauptet aufgefunden. Russische Soldaten entdeckten in der Nähe eines Lagers die Köpfe der beiden Oberstleutnants. Die beiden Offiziere waren zu Beginn der Woche in der Nähe von Wedeno im Süden der abtrünnigen Kaukasus-Republik verschwunden.

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