Politik : Türkei: Ankaras Sorge vor Vergeltung

Thomas Seibert

Nach den Terroranschlägen in den USA bereitet sich die Türkei auf die Rolle des westlichen Frontstaates bei dem erwarteten militärischen Gegenschlag gegen die Hintermänner der Gewalttaten vor. Als einziges moslemisches Nato-Mitglied ist Ankara dabei in einer schwierigen Situation: Einerseits will die Türkei keinen Zweifel an ihrer Bündnistreue aufkommen lassen. Andererseits wehrt sich die türkische Regierung trotz ihres Kampfes gegen den islamischen Fundamentalismus dagegen, den internationalen Terror pauschal dem Islam zuzuschreiben. Ankara sieht in den US-Anschlägen vielmehr eine "Lehre" für die Europäer, die das harte türkische Vorgehen gegen kurdische und andere "Terroristen" immer verurteilten.

Die Türkei könnte schon bald in den Krieg ziehen, verkündete die Boulevard-Zeitung "Sabah" am Donnerstag. Für eine Beteiligung türkischer Soldaten gibt es breite Unterstützung: Die allermeisten Türken sind entsetzt über die Anschläge in den USA. Lediglich das radikal-islamistische Lager feierte die Angriffe auf New York und Washington als Vergeltung für die Untaten einer arroganten Supermacht: "Jene, die andere verbrannten, brennen jetzt selbst", titelte die islamistische Zeitung "Akit".

Angesichts der geographischen Lage der Türkei am Rande der Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens ist den Türken klar, dass ihr Land bei einem Militärschlag als "Flugzeugträger" des Westens dienen könnte. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Luftwaffenstützpunkt Incirlik bei Adana im Süden der Türkei. Von Incirlik aus überwachen amerikanische und britische Kampfflugzeuge seit Jahren das Flugverbot über Nordirak. Ebenso wie Irak sind auch zwei andere als "Schurkenstaaten" verdächtigte türkische Nachbarn, Syrien und Iran, von Incirlik aus schnell zu erreichen. Als Land mit der zweitstärksten Armee in der Nato denkt die Türkei auch über eine direkte Beteiligung ihrer Soldaten nach. Ministerpräsident Ecevit betonte nach einer Kabinettssitzung, die Türkei stehe an der Seite der USA.

Doch im Kabinett wurden kritische Töne laut. Premier Ecevit will einen Zusammenhang zwischen den verheerenden Anschlägen in den USA und dem Islam nicht herstellen. Terror gebe es in allen religiösen Schattierungen und überall auf der Welt. Ecevits Kabinett beschloss, gegen die im Westen verbreitete Formel "Islam gleich Terror" offensiv Stellung zu beziehen. Die Türkei wäre sehr erleichtert, wenn die Täter keine Moslems wären, heißt es aus Ankara.

Der Verdacht, islamische Fundamentalisten könnten die Anschläge verübt haben, hat den laizistischen türkischen Staat in eine unbequeme Lage gebracht. Ankara ist zwar ein erbitterter Gegner des Islamismus und bekämpft radikal-islamische Tendenzen mit aller Härte. Doch in ihrer Verärgerung über westliche Vorwürfe und Vorurteile gegen den Islam denkt Ecevits Regierung jetzt ähnlich wie ihre innenpolitischen Gegner aus dem islamistischen Lager.

In internen Analysen der Regierung wird zudem auf die Gefahr hingewiesen, dass die Türkei als moslemischer Nato-Staat nach einem Schlag der Allianz Hauptziel radikal-islamischer Vergeltung werden könnte.

Gleichzeitig sieht Ankara die Gelegenheit, mit einer aus türkischer Sicht vor allem in Europa verbreiteten Fehleinschätzung aufzuräumen. Die Türkei habe schon lange eine engere internationale Zusammenarbeit gegen den Terrorismus gefordert, sei bei europäischen Verbündeten aber auf taube Ohren gestoßen, sagte Ecevit. Er hoffe, dass sich das jetzt ändern werde. Ankara wirft verschiedenen europäischen Staaten vor, die von der Türkei als Terrorgruppe bekämpfte Kurdenorganisation PKK unterstützt zu haben und türkischen Linksextremisten Unterschlupf zu gewähren.

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