Türkei : Begrenzt und gezielt

USA billigen „punktuelle“ Militäraktionen gegen die PKK. Erdogan zeigt sich mit dem Besuch bei Bush zufrieden.

Susanne Güsten[Diyarbakir]

Die türkischen Streitkräfte werden gegen Stützpunkte und Versammlungen der PKK-Kurdenrebellen im Nordirak möglicherweise schon bald so vorgehen wie die israelische Armee gegen militante Palästinenser oder mutmaßliche syrische Atomanlagen: mit gezielten Luftangriffen, die sich auf aktuelle Geheimdienstinformationen stützen. Bei seinem Besuch in Washington erhielt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nach türkischen Angaben die Zustimmung von US-Präsident George W. Bush zu „punktuellen“ Militäraktionen gegen die PKK – ein „Modell Israel“, wie eine Zeitung kommentierte. Die USA wollen den Türken die Geheimdienstdaten für die türkischen Einzelaktionen liefern, um so eine breit angelegte Invasion der türkischen Armee im Nordirak zu verhindern.

Bushs Sprecherin Dana Perino sagte, im Gespräch seien „begrenzte und gezielte Aktionen gegen die PKK“, die von den Türken ausgeführt und mit US-Geheimdienstinformationen unterstützt werden sollten. Erdogan sprach von bevorstehenden „Operationen“. Als Ziele nannte er Stützpunkte und Führungsmitglieder der PKK sowie die Nachschubwege der Rebellen; er habe bei Bush erreicht, was er habe erreichen wollen. Jetzt erwartet Erdogan konkrete Ergebnisse – das heißt: Bombardements auf der Basis amerikanischer Geheimdienstinformationen.

Türkische Zeitungen berichten, unter anderem kämen Angriffe auf PKK- Trupps infrage, die vom Irak aus in die Türkei eindringen wollten. Im Nordirak wurden bereits US-Spionageflugzeuge gesichtet. Möglich sind auch Kommandoaktionen türkischer Spezialeinheiten, um PKK-Führer auf nordirakischem Boden zu schnappen und in die Türkei zu holen – so wie eine türkische Kommandoeinheit das vor acht Jahren mit PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenia machte. Auch damals halfen die USA mit Geheimdienstinformationen: Die US-Experten hatten per Satellitenüberwachung Öcalans Handy in Nairobi aufgespürt. Für den Fall, dass die jetzt versprochene US-Unterstützung ausbleibt, hält sich die Türkei die Möglichkeit eines Einmarsches ohne Abstimmung mit Washington offen. Die Verhinderung eines solchen Einmarsches ist das Hauptmotiv für die Bereitschaft der USA, den Türken Daten in Echtzeit zu liefern.

Die nationalistische Opposition in der Türkei warf Erdogan vor, die Ergebnisse seines Washington-Besuches seien viel zu mager. Mehrere Parteien verlangen eine dauerhafte Besetzung eines irakischen Gebietsstreifens durch die türkische Armee. Kein Geringerer als der ehemalige türkische Generalstabschef Hilmi Özkök schärfte seinen Landsleuten aber ein, dass die PKK mit militärischen Mitteln allein nicht zu besiegen sein wird. Er gab zu, dass die Bemühungen des türkischen Staates um wirtschaftliche und soziale Reformen im Kurdengebiet bisher gescheitert seien.

Niemand weiß das besser als die Menschen in der türkischen Kurdenmetropole Diyarbakir im Südosten des Landes. „Wir wollen keine Militärintervention gegen die PKK, wir wollen, dass dieser Krieg aufhört“, sagte ein Händler in der Stadt nach Bekanntgabe der Ergebnisse des Gesprächs zwischen Erdogan und Bush. Von den Stützpunkten in Diyarbakir steigen die Kampfhubschrauber auf, die fast täglich Rebellenstellungen in den Bergen östlich der Stadt beschießen. Schon seit Wochen wird auf der türkischen Seite der Grenze wieder heftig gekämpft. In Ankara wird die Einigung von Washington als Erfolg gefeiert, in Diyarbakir dagegen kommt die Nachricht schlecht an. „Das ist doch keine Lösung“, sagte Hamid, ein Handwerker. „Der Staat sollte lieber mal Investitionen in den Südosten schicken und hier Arbeitsplätze schaffen, den Kurden ein paar mehr Rechte geben, und dann werden sie sehen – innerhalb von drei bis vier Jahren gibt es keine PKK mehr.“

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