Türkei : "Benachteiligte sollten andere verstehen"

Der Unternehmer Ishak Alaton und der Migrationsforscher Faruk Sen sprechen im Interview mit dem Tagesspiegel über den Vergleich Juden/Türken.

Herr Alaton, als einer der bekanntesten Unternehmer in der Türkei und prominenter Vertreter der türkischen Juden haben Sie im April in einem offenen Brief an die Wirtschaftszeitung „Referans“ einen wachsenden Nationalismus in Ihrem Land und eine wachsende Intoleranz nicht-muslimischen Minderheiten gegenüber beklagt. Dafür wurden Sie von Nationalisten in den Medien scharf angegriffen. Faruk Sen veröffentlichte darauf ebenfalls in „Referans“ eine Kolumne, in der er Ihnen recht gab und gleichzeitig die Türken als „neue Juden Europas“ bezeichnete. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die in Deutschland jetzt an Faruk Sen gerichtet werden?



ALATON: Faruk Sen ist völlig falsch verstanden worden. In der Debatte ist von falschen Voraussetzungen ausgegangen worden, was zu einem falschen Ergebnis geführt hat. Faruk Sen hat lediglich eine Kolumne über ein türkisches Problem geschrieben in einer türkischen Zeitung, er hat eine Botschaft an die Türkei gerichtet. Er hat darin gesagt, dass er völlig versteht, was Ishak Alaton meint, dass die Türkei auf einem falschen Weg ist, dass in der Türkei der Ultranationalismus wächst, dass das gefährlich und falsch ist. Und er ruft die Türken in seiner Kolumne auf: Hört auf Ishak Alaton, seine Botschaft ist wichtig.

Wie lautet denn diese Botschaft?

ALATON: Diese utranationalistischen Entwicklungen müssen gestoppt werden, denn dies führt zu Xenophobie, zu Antisemitismus und zu Fremdenfeindlichkeit. Das schreibt Faruk Sen in seiner Kolumne. In Deutschland ist diese Kolumne aber völlig falsch verstanden worden, weil Faruk vielleicht etwas unüberlegt die Überschrift gesetzt hat: Die Türken sind die neuen Juden Europas. Dabei haben alle gleich an den Holocaust gedacht. Eine interessante Reaktion, denn damit hat der Artikel eigentlich nichts zu tun. Seine Überschrift war eben falsch, aber das ist auch alles.

SEN: Die Sache hat mich wirklich überrascht, ein Artikel, den ich in der Türkei geschrieben habe aus Solidarität mit einem jüdischen Unternehmer und den Minderheiten in der Türkei, dass der in Deutschland so falsch interpretiert worden ist. Mit der jüdischen Gemeinde in Deutschland konnte ich diese Sache jetzt ausräumen.

Mit Ihrem eigenen Zentrum für Türkeistudien aber offenbar nicht.

SEN: Im Vorstand gibt es offenbar Personen, die einen unbequemen Leiter loswererden wollten. Diese Entscheidung nehme ich mit Befremden zur Kenntnis, aber ich werde mich juristisch, politisch und in der Öffentlichkeit dagegen wehren.

Haben Sie denn Verständnis für die Reaktionen in Deutschland?

SEN: Dafür habe ich kein Verständnis, dass ein Artikel in einer türkischen Zeitung in der deutschen Öffentlichkeit, in der Politik und besonders der Landespolitik so hochgekocht ist. Da müssen andere Ziele dahinter stecken. Es ist klar, dass man einen unbequemen Menschen, der das Zentrum für Türkeistudien seit 23 Jahren aufgebaut hat, loswerden wollte.

Kritiker werfen Ihnen vor, Sie sagten in der Türkei das Eine und in Deutschland das Andere.

SEN: Dieser Vorwurf stimmt nicht. Was ich in den türkischen Medien sage, das sage ich auch in den deutschen Medien.

Wieso haben Sie überhaupt zu dem Vergleich von Türken und Juden gegriffen?

SEN: Der Vergleich lautete auf neue Juden. Diejenigen, die in Europa Benachteiligung erleben, müssen Verständnis für die Minderheiten hier in der Türkei zeigen, die auch mit Diskriminierung leben müssen. Dieser Vergleich war übertrieben und ich habe klargestellt, dass ich ihn weder in Deutschland noch in der Türkei noch einmal so ziehen werde.

Herr Alaton, wie sahen die Reaktionen in der Türkei auf Faruk Sens Beitrag aus?

ALATON: In der Türkei ist er völlig richtig verstanden worden, er hat mit diesem Artikel die Menschen aufgeweckt. Ich hatte ja in meinem offenen Brief die Medien angeklagt und die Bürokratie und habe gewarnt, dass die Türkei, wenn sie so weitermacht mit ihrer Fremdenfeindlichkeit, ihrer Xenophobie, ihrem Antisemitismus, immer arm bleiben wird, dass sie nie reich sein wird wie Europa, weil die Menschen sich dann vor den Türken fürchten. Es gibt hier eine generelle Fremdenfeindlichkeit. Alle, die nicht sunnitische Muslime sind, werden als Feinde gesehen. Das ist diese ultranationalistische Tendenz, und gegen die bin ich aufgetreten. Es ist eine generelle Xenophobie, aber von einer speziellen Judenfeindlichkeit zu reden, wäre nicht richtig. Die Regierung und die AKP haben übrigens damit gar nichts zu tun, die AKP nehme ich von diesen Vorwürfen ausdrücklich aus.

Wie sollte sich denn die deutsche Öffentlichkeit angesichts der von Ihnen beklagten Xenophobie in der Türkei verhalten?

ALATON: Statt Faruk Sen zu verhören und zu bestrafen, könnten die deutschen Medien und Politik sehr viel bessere Beiträge leisten. Dazu gehört es, der Türkei beizustehen, die Türkei besser zu verstehen und dazu beizutragen, Fremdenfeindlichkeit und Ultranationalismus einzudämmen, was ja machbar ist. Die deutsche Gesellschaft, die deutsche Zivilgesellschaft und auch die deutsche Regierung könnten dazu sehr viel beitragen.

Herr Sen, warum sind die Reaktionen in Deutschland und der Türkei auf Ihren Beitrag so unterschiedlich ausgefallen?

SEN: Dieser Vorfall beweist eindeutig, dass es noch immer einen großen Abstand zwischen den beiden Gesellschaften gibt. So groß, dass es in Deutschland gegen einen verwendet wird, wenn man Solidarität mit den Minderheiten hier in der Türkei übt. Ich hatte mehr negative Reaktionen aus der Türkei erwartet, weil ich die türkische Bürokratie des Antisemitismus bezichtigt habe. Die Türken waren wesentlich toleranter. Aber in Deutschland ist das so hochgekocht. Es ist schwer zu verstehen. Aber gottseidank gibt es eine funktionierende Justiz in Deutschland, und ich bin ganz sicher, dass diese falsche Entscheidung von den Gerichten korrigiert wird.

Das Interview führte Susanne Güsten.

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