Türkei-Besuch : Wulffs Lehrstunde in Istanbul

Bundespräsident Wulff beendet seinen Türkei-Besuch. Am Bosporus begegnet er dem Islam, der auch ein Teil Deutschlands ist.

von
Verschleiert und beeindruckt. Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina am Freitag in der Blauen Moschee in Istanbul. Foto: dapd
Verschleiert und beeindruckt. Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina am Freitag in der Blauen Moschee in Istanbul....Foto: REUTERS

Bettina Wulff greift nach ihrem schwarz-blauen Schal, um sich das Haar zu verhüllen, doch die Dolmetscherin hält sie zurück. „Erst innerhalb der Moschee, jetzt noch nicht“, rät sie der deutschen Präsidentengattin im Innenhof der Blauen Moschee von Istanbul. Auf der letzten Station seiner vom Thema Religion dominierten Türkeireise und einen Tag nach seiner Zusammenkunft mit den türkischen Christen in Tarsus begegnet das Ehepaar Wulff am Bosporus dem Islam. In der Moschee trifft der Bundespräsident auf viel Zustimmung zu seiner Bremer Rede vom 3. Oktober, die in Deutschland für Aufregung sorgte.

„Sie haben gesagt, dass Sie auch der Präsident der Muslime in Deutschland sind, und das hat uns sehr glücklich gemacht“, sagt der Imam der Blauen Moschee, Emrullah Hatipoglu, dem Bundespräsidenten. Hatipoglu führt Christian Wulff und seine Frau, die ihr Haar jetzt mit dem Schal bedeckt, durch das Gotteshaus. Der Imam ist nicht der Einzige, der die Haltung des Bundespräsidenten in religiösen Fragen lobt. Der Istanbuler Vize-Mufti Mehmet Asik dankt Wulff dafür, dass er tags zuvor beim christlichen Gottesdienst in Tarsus in den Fürbitten auch für die Türkei und ihre Menschen gebetet habe.

Dem Bundespräsidenten ist anzumerken, dass die Moschee ungewohntes Terrain ist für ihn. Er fragt, wo in dem Gotteshaus die Gläubigen außerhalb der Gebetszeiten ihr Gebet verrichten, er erkundigt sich nach der Ausrichtung der Moschee Richtung Mekka, er fragt nach dem Inhalt der Freitagspredigten, die von der türkischen Religionsbehörde vorbereitet werden.

In Istanbul besucht Wulff auch die Hagia Sophia, die einst Kirche und dann Moschee war und heute ein Museum ist, und er trifft den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. Es ist der passende Abschluss eines Besuches, bei dem es viel um das Verhältnis zwischen dem christlichen Westen und dem Islam sowie um die Forderung nach Religionsfreiheit für die Christen in der Türkei ging. Mindestens zwei wichtige Erkenntnisse nimmt Wulff mit nach Hause. Zum einen glaubt er in seinem Amtskollegen, dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül, einen Partner gefunden zu haben, mit dem er viele deutsch-türkische Themen anpacken kann. Wulff lud Gül nach Deutschland ein, wo er ihm möglicherweise seine Heimatstadt Osnabrück zeigen will.

Die beiden Präsidenten trafen sich an jedem Tag im Verlauf des Besuchs und legten am Freitag gemeinsam den Grundstein für die deutsch-türkische Universität, die im kommenden Jahr den Lehrbetrieb aufnehmen soll. „Die können miteinander“, sagte ein Mitglied der deutschen Delegation. Auch das offenbar gute Verhältnis von Bettina Wulff und Hayrünnisa Gül sorgte während des Besuches für Aufsehen.

Das andere wichtige Reiseergebnis für den Bundespräsidenten ist der Eindruck, dass seine Forderung nach Religionsfreiheit für die Christen in der Türkei von seinen Gastgebern nicht als Einmischung abgetan, sondern ernst genommen wird. Nach seinem Satz über die Zugehörigkeit des Christentums zur Türkei in seiner Rede vor dem Parlament in Ankara fragte Wulff den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan laut Presseberichten, ob ihn irgendetwas an der Ansprache gestört habe. „Nein, ich stimme Ihnen zu“, soll Erdogan geantwortet haben.

In Tarsus legte Wulff bei einer Begegnung mit türkischen Journalisten dar, türkische Jugendliche in Deutschland könnten islamischen Religionsunterricht erhalten, außerdem werde dort mit der Ausbildung von Imamen begonnen. Nun wolle er lediglich, dass türkische Jugendliche christlichen Glaubens in der Türkei auch das Recht erhielten, Priester zu werden. Der Bundespräsident hatte anschließend „das Gefühl, dass etwas angekommen ist“ von seiner Botschaft, hieß es in der Delegation. Er habe eine Offenheit gespürt, auch über kritische Dinge zu reden, sagte Wulff zum Abschluss seines Besuches.

Das Fernduell zwischen Wulff und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in der Integrationsfrage, das zu Beginn des Besuches noch für Aufregung sorgte, war am Ende der Visite so sehr in den Hintergrund gerückt, dass es bereits für Witze herhielt. Wulff rief den mitreisenden CSU-Abgeordneten Herbert Frankenhauser am Freitag bei einem Fototermin im orthodoxen Patriarchat an seine linke Seite. Als Frankenhauser zögerte, rief Wulff ihm zu: „Keine Sorge, auf den Fotos wird Herr Seehofer Sie ja rechts von mir sehen.“

Autor

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben