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Türkei : Bombe in Istanbul offenbar das Werk von Linksextremisten

In der türkischen Metropole Istanbul sind bei einem Selbstmordanschlag mehrere Menschen schwer verletzt worden. Mindestens ein Polizist sowie der Attentäter wurden getötet. Laut Presseberichten wurde der Selbstmordattentäter bereits identifiziert.

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Polizisten in Kampfmontur haben die Straße abgeriegelt, doch auch aus einer Entfernung von etwa 50 Metern sind die Schäden im Eingangsbereich der Polizeiwache im Istanbuler Stadtteil Sultangazi gut zu sehen. Das Schild über dem Haupteingang ist abgerissen, eine blaue Plastikplane deckt die Eingangstür ab – oder das, was davon übrig ist. Am späten Vormittag war an diesem Dienstag ein junger Mann vor dieser Tür aufgetaucht und hatte den Beamten gesagt, er sei vorgeladen, um einige Dokumente abzuholen. Vor dem Röntgengerät der Sicherheitskontrolle am Eingang warf der Mann plötzlich eine Handgranate ins Innere des Gebäudes und zündete dann eine Bombe, die er bei sich trug und die ihn selbst und einen Polizisten tötete.

Polizisten sperren die Polizeiwache ab, vor der der Anschlag verübt wurde.
Polizisten sperren die Polizeiwache ab, vor der der Anschlag verübt wurde.Foto: dpa

„Bis vor die Tür hier sind die Leichenteile geflogen“, sagt Zafer Aldogan, dessen Sohn in der Nähe der Polizeiwache ein Glaser-Geschäft betreibt. „Die Polizei kam und sammelte sie ein.“ Wie andere Bewohner des Viertels hatte Aldogan den lauten Knall der Explosion gehört und war nach draußen gelaufen. „Da stieg eine Staubwolke hoch.“

Laut Presseberichten wurde der Selbstmordattentäter wenig später als Corum Alaca identifiziert, Mitglied in einer linksextremen Organisation. Warum er sich in Sultangazi in die Luft sprengte, blieb zunächst unklar. „Hier ist es normalerweise sehr ruhig,“ sagt Aldogan.

Andere Bewohner von Sultangazi sind da anderer Meinung. Viele Kurden und Alewiten, Mitglieder einer islamischen Glaubensrichtung, die sich von der sunnitischen Mehrheit in der Türkei unterdrückt fühlt, wohnen hier. Im März 1995 starben in der „Gazi Mahallesi“, wie das Viertel um die dreistöckige Polizeiwache genannt wird, rund 20 Menschen bei tagelangen Unruhen, die durch einen Anschlag auf Alevis ausgelöst wurden.

Damals spielte die Polizei aus Sicht vieler hier eine unrühmliche Rolle: „Sie haben viele Leute abgeschlachtet“, sagt ein junger Mann, der mit einuigen Freunden zur Polizeiabsperrung gekommen ist und der seinen seinen Namen lieber nicht nennen will.  „Ich wohne seit zwanzig Jahren hier, und es gab nie eine Zeit ohne Spannungen“ zwischen der Bevölkerung und der Polizei. „Die Polizei traut sich nur in gepanzerten Fahrzeugen ins Viertel herein.“ Weniger Meter steht eine Reihe schwarzgekleideter Polizisten, eine riesige türkische Fahne weht im Garten der Polizeiwache.

Dass Sultangazi kein Stadtviertel wie jedes andere ist, das nimmt wohl auch die Leitung der türkischen Polizei an. Nach einem Anschlag auf eine andere Istanbuler Polizeiwache im Jahr 2001 wurden einige, als besonders gefährdet eingestufte Polizeistationen in der Stadt baulich verstärkt oder ganz neu errichtet. Die Wache in Sultangazi war eine von ihnen. Türkische Nachrichtensender meldeten nach dem Anschlag vom Dienstag, es sei wahrscheinlich der damals gewählten Bauweise - Beton statt Ziegelstein – zu verdanken, dass es nicht noch schlimmere Schäden und noch mehr Opfer gegeben habe.

Die jungen Männer vor der Polizeiwache wirken jedenfalls nicht besonders überrascht von dem Bombenanschlag. „Hier im Viertel gibt es einige Gruppen, die sowas draufhaben“, sagt einer von ihnen. Er persönlich glaube, dass die kurdischen PKK-Rebellen hinter dem Selbstmordanschlag steckten. Schließlich hatte die PKK in jüngster Zeit ihre Gewaltaktionen in der Türkei verstärkt, und auch der bis zum Dienstag letzte Selbstmordanschlag in Istanbul vom Oktober 2010 ging auf das Konto der kurdischen Extremisten.

„Die Linken können es aber auch gewesen sein“, sagt der junge Mann in Sultangazi. „Hier geht’s ja dauernd rund.“

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