Politik : Türkei: Das Land setzt auf "starke Freunde"

Thomas Seibert

Eine schwere Wirtschaftskrise, eine Regierung ohne überzeugende Rezepte und der Ruf nach neuen Milliardenkrediten - um die Türkei machen ihre "starken Freunde" sich echte Sorgen, stellt die Istanbuler Zeitung "Radikal" fest. Der deutsche Botschafter in Ankara, Rudolf Schmidt, brachte jetzt die Vertreter der USA, Japans und der Weltbank in der Türkei bei einem Abendessen mit türkischen Politikern und Bürokraten zusammen.

Dabei wurde deutlich, dass der Westen zwar sehr auf ein rasches Ende der türkischen Krise hofft, aber nicht sicher ist, ob die Regierung in Ankara den rechten Reformwillen aufbringen kann. Trotz dieser Skepsis werden die "starken Freunde" Ankaras wohl schon bald über neue Finanzhilfen für die Türkei entscheiden müssen. Nach Angaben von Ministerpräsident Bülent Ecevit hofft Ankara auf Unterstützung in der Größenordnung von 25 Milliarden US-Dollar - dabei wird Deutschland als einer der wichtigsten Partner der Türkei eine große Rolle spielen.

Für die westliche Führungsmacht USA kommt es vor allem wegen der geostrategischen Bedeutung der Türkei nicht in Frage, die Türkei einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Deutschland hat darüber hinaus eigene Interessen an einer stabilen Türkei. Wenn der türkische Staat Bankrott geht und soziale Unruhen das Land erfassen, wird das auch negative Auswirkungen auf die gut zwei Millionen Türken in der Bundesrepublik haben. "Eine Veränderung der sozialen Lage in der Türkei bedeutet auch für uns innenpolitischen Zündstoff", sagt ein deutscher Diplomat in Ankara.

Der Bundesregierung als Verfechterin einer türkischen EU-Annäherung kann es zudem nicht recht sein, wenn Ankara wegen der Wirtschaftsprobleme der europapolitische Schwung verloren geht und politische Reformen, etwa bei den Menschenrechten, liegen bleiben. Hinzu kommt, dass die Türkei für Deutschland ein wichtiger Handelspartner in der Region ist. Im vergangenen Jahr exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von 15 Milliarden Mark in die Türkei. Auch haben sich deutsche Banken mehr als andere in der Türkei engagiert und warten derzeit auf die Rückzahlung von über 20 Milliarden Mark an ausstehenden Krediten.

Bis an die Begleichung von Schulden zu denken ist, werden die Türken aber zunächst einmal neue Hilfen anfordern. Der neue türkische Wirtschaftsminister Kemal Dervis kündigte an, seine Regierung werde verstärkt auf "bilaterale" Hilfen setzen - sich also direkt an ihre mächtigen Freunde wenden. Bald dürften auch die Deutschen angesprochen werden, erwarten diplomatische Beobachter in Ankara. Grundsätzlich sei dabei davon auszugehen, dass die Bundesrepublik zu weiteren Hilfen bereit sei, hieß es. Voraussetzung dürfte aber ähnlich wie bei den USA sein, dass Ankara seinen Reformwillen beweist - und da sind die Partner der Türkei noch skeptisch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben