Türkei : Den Nazis die Stirn geboten

Die Türkei war Zuflucht vieler NS-verfolgter deutscher Wissenschaftler – ein Dokumentenband erinnert.

Andrea Dernbach

Es gab eine Zeit, da hätte in Deutschland niemand zweifeln dürfen, dass Freiheit und Menschenrechte gerade in der Türkei ihren Ort hatten. Als die Nazis nur gut zwei Monate nach der „Machtergreifung“ begannen, Juden und politische Gegner aus Universitäten und Behörden zu vertreiben, da öffnete die Regierung der jungen türkischen Republik den vertriebenen Professoren und Wissenschaftlern weit die Tür. Mehr als 160 deutsche Professoren kamen ab 1933 bis Anfang der 50er Jahre ins Land, dazu Politiker, viele Intellektuelle und Künstler wie der Komponist Paul Hindemith. Die allermeisten hatten Deutschland verlassen müssen.

Auf dieses etwas unterbelichtete Kapitel deutsch-türkischer Geschichte wirft ein Buch neues Licht, das diese Woche in Berlin vorgestellt wurde, jener Stadt, in der die Erinnerung lebendiger sein dürfte als anderswo: Immerhin war Ernst Reuter, Regierender Bürgermeister von 1948 bis 1953, einer der prominentesten Türkei-Exilanten. Reuter lehrte seit 1938 Städtebau in Ankara. „Ein Hafen, in dem deutsche Kultur überleben konnte“, sei die Türkei gewesen, sagte Reuters Sohn Edzard, der frühere Vorstandschef von Daimler-Benz, der als 7-Jähriger in die Türkei kam und sie als junger Mann verließ, bei der Buchvorstellung. Schon damals sei das Land auf dem Weg gewesen zur modernen europäischen Nation und nur Dummköpfe könnten heute noch behaupten, dass türkische und europäische Kultur unvereinbar seien.

Der wichtigste Zeuge dafür ist ironischerweise ein NS-Apparatschik, Herbert Scurla, der die Türkei 1939 für das Erziehungsministerium bereiste und darüber einen ausführlichen Bericht verfasste. Scurla, dessen Bericht das zentrale Dokument des Buchs ist („Exil unter Halbmond und Stern. Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus“, hg. von Faruk Sen und Dirk Halm) musste enttäuscht feststellen, dass die türkische Republik „nach 16 Jahren deutsch-freundschaftlicher Grundhaltung“, wie er schreibt, nicht nur einen außenpolitischen Kurswechsel vollzogen hatte und sich England annäherte. Die Regierung in Ankara dachte auch nicht daran, deutschem Druck nachzugeben und ihre Universitäten nur noch mit politisch und rassisch genehmen Kandidaten zu besetzen. Die Berufungspolitik für die 1933 gegründete Universität in Istanbul etwa, notierte Scurla ärgerlich, laufe „unter dem überwiegenden Einfluss der Emigrantenclique“ dort. Schon in zehn Fällen seien die Berliner Bemühungen fehlgeschlagen. Es könne „kein Zweifel darin bestehen, dass auch weiterhin auf freie Stellen „im Allgemeinen ein uns unerwünschter Gelehrter“ berufen werde. Mehr noch: Scurla musste seinen Vorgesetzten auch mitteilen, dass die türkische Regierung ausdrücklich keine Hochschullehrer wolle, die Ämter in der NSDAP hätten. Man werde wohl nicht umhinkommen, dies zu akzeptieren.

Nun waren keineswegs alle deutschen Wissenschaftler in der Türkei Regimegegner und es gab sogar einige NS-Spitzel unter ihnen – auch das belegen einzelne Dokumente im Buch von Sen und Halm. Schließlich verdankte sich die türkische Politik der offenen Tür nicht zuerst dem Widerwillen gegen die Nazis, sondern der Notwendigkeit, das eigene Bildungssystem im republikanischen Sinne zu modernisieren. Viele Universitäten wurden damals erst gegründet. Armin Laschet (CDU), Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, wies in Berlin dennoch auf das Besondere dieser türkischen Reformphase hin: Überall in Europa sei es damals üblich gewesen, Hitler nachzugeben: „Aber da bot ein junger Staat, 1933 gerade zehn Jahre alt, der wichtigsten europäischen Macht die Stirn. Sie hätten sich auch arrangieren können. Aber sie haben es nicht getan.“ Andrea Dernbach

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