Türkei : Der Tag der Rose

Die Türkei stellt sich auf Abdullah Gül als Staatschef ein – auch die Armee schickt Versöhnungssignale.

Susanne Güsten[Istanbul]
Gül
Im Scheinwerferlicht. Außenminister Abdullah Gül und seine Frau Hayrünisa, die sich zum Kopftuch bekennt. -Foto: dpa

Trotz eines Dämpfers bei der zweiten Runde der türkischen Präsidentenwahl am Freitag steht Abdullah Gül kurz vor der Übernahme des höchsten Staatsamtes. Gül blieb im Parlament von Ankara mit 337 Stimmen erneut unter der Zweidrittelmehrheit. Er verbuchte sogar vier Stimmen weniger als bei der ersten Runde am Montag und erhielt nicht alle 340 Stimmen der Regierungspartei AKP – ob es sich um ein Versehen einiger Parlamentarier oder eine absichtliche Verweigerung handelte, stand zunächst nicht fest.

Dennoch zeigt das Wahlergebnis, dass der 56-jährige Außenminister beim dritten Wahlgang am Dienstag fest mit einem Erfolg rechnen kann: Dann genügt die einfache Mehrheit von 276 Stimmen. Im ganzen Land haben deshalb schon die Vorbereitungen für Güls anstehende Amtsübernahme begonnen.

Nicht alle freuen sich darauf. Ein Teil der Kemalisten, die Gül und seine Partei AKP als Islamisten betrachten, will sich immer noch nicht mit dem AKP-Wahlsieg vom Juli und der bevorstehenden Präsidentschaft Güls abfinden. Die Kemalistenpartei CHP boykottierte am Freitag erneut die Abstimmung im Plenum und kündigte Einspruch gegen das Ergebnis der Parlamentswahlen an: Es habe Manipulationen zugunsten der AKP gegeben. Dagegen hatten der türkische Wahlleiter und internationale Beobachter die Wahl als einwandfrei bezeichnet.

Anders als die CHP sandte die Armee, die noch vor wenigen Monaten mit einem Putsch gegen Gül gedroht hatte, Versöhnungssignale aus. Faruk Cömert, als Luftwaffenchef ein Mitglied einer der mächtigsten Militärs im Land, rief bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand zu mehr Verständigung zwischen dem fromm-konservativen Lager Güls und den Kemalisten auf. „Wir sollten keine Zweifel gegeneinander hegen, sondern versuchen, uns besser zu verstehen“, sagte der General.

Unterdessen absolvierte der scheidende Staatschef Ahmet Necdet Sezer seine Abschiedsbesuche. Am Freitag traf sich Sezer mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dem er in tiefer Abneigung verbunden ist. Sezer will keine feierliche Amtsübergabe an Gül: Die Stabübergabe wird auf Sezers Wunsch lautlos und ohne Publikum vonstatten gehen.

Um Gül trotzdem feiern zu können, beschloss die Erdogan-Regierung, dass die Vereidigung des neuen Präsidenten zum Anlass für Freudenkundgebungen genommen werden soll. Unmittelbar nach seiner Wahl im Parlament soll Gül noch am Dienstagabend im Plenum den Amtseid ablegen. Anschließend besucht der neue Präsident das Mausoleum von Staatsgründer Atatürk. Armee-Einheiten in der Hauptstadt und vier weiteren wichtigen Standorten im ganzen Land sollen den neuen Präsidenten mit jeweils 101 Böllerschüssen feiern. Staatliche Gebäude bleiben zu Ehren des neuen Staatschefs die ganze Nacht hell erleuchtet.

Kein Detail soll dem Zufall überlassen werden: Während Gül im Parlament die Eidesformel spricht, soll sein vor dem Plenum wartender Dienstwagen die Standarte des Präsidialamtes aufgesteckt bekommen. Der staatliche Fernsehsender TRT plant für Dienstagabend einen langen Dokumentarfilm über Güls Leben. Auch Güls Beraterstab für das Präsidentenamt steht nach Zeitungsberichten weitgehend fest. Demnach will sich Gül mit ausgewiesenen Außenpolitik-Experten umgeben.

Mit besonderer Aufregung fiebert Güls zentralanatolische Heimatstadt Kayseri dem Dienstag entgegen. Die Stadtverwaltung kaufte 50 000 türkische Fahnen, die überall in Kayseri verteilt werden sollen. Da Güls Name auf Türkisch „Rose“ bedeutet, wird auch die edle Blume bei den Feierlichkeiten eine Rolle spielen: Aus Lautsprechern in Kayseri soll am großen Tag ein Schlager mit dem Titel „Gülüm benim“ erschallen: „Meine Rose“.

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