Türkei : Die Macht der Rührung

Die Versöhnung zweier Mütter, die im türkisch-kurdischen Konflikt ihre Söhne verloren, bewegt die ganze Nation. Friedensbotschaften wie diese passen in eine Zeit, in der die Politik nach neuen Wegen in der Kurdenpolitik sucht.

Thomas Seibert[Istanbul]

Während türkische Politiker über neue Schritte in der Kurdenpolitik reden und auch PKK-Chef Abdullah Öcalan an einer „Road Map“ zur Lösung des Kurdenkonflikts arbeitet, haben zwei Frauen im südostanatolischen Kurdengebiet etwas getan, was noch wertvoller sein könnte: Sie haben zusammen geweint. Zeynep Yalcin verlor ihren Sohn, als dieser als Soldat im Kampf gegen die Kurdenrebellen von der PKK fiel. Kumri Bilgi ist die Mutter eines PKK-Mitgliedes, das von den Sicherheitskräften getötet wurde. Obwohl sie im Kurdenkonflikt auf zwei gegnerischen Fronten stehen, versöhnten sich die Frauen jetzt symbolisch – und rührten damit die ganze Türkei.

Dass die Familien Yalcin und Bilgi überhaupt zusammenkamen, ist ein Zeichen für eine neue gesellschaftliche Atmosphäre in der Türkei. Seit Monaten debattieren Politiker und Medien in einer bisher nie gekannten Offenheit über Wege zu einer friedlichen Beendigung des Kurdenkonflikts. Das Treffen der Yalcins und Bilgis stellte nun einen weiteren Schritt dar: „Die Mutter eines Märtyrers und eines PKK-Kämpfers Seite an Seite“, stellte eine Zeitung lobend fest. Mit dem Begriff „Märtyrer“ werden in der Türkei gefallene Soldaten bezeichnet.

Friedensbotschaften wie diese passen in eine Zeit, in der die Politik nach neuen Wegen in der Kurdenpolitik sucht. Anfang August traf sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erstmals mit dem Chef der Kurdenpartei DTP, Ahmet Türk, um über das Thema zu sprechen. Die Unterredung hatte enorme symbolische Bedeutung, denn mit ihr zeigte die Regierung, dass sie bei der Suche nach einer Lösung bereit ist, den Kurden zuzuhören. Erdogan sprach mit Türk über eine geplante Initiative der Regierung zur Beendigung des Kurdenkonflikts. Nach Presseberichten will Ankara unter anderem Einschränkungen beim Gebrauch der türkischen Sprache abbauen, öffentliche Investitionen im verarmten Kurdengebiet verstärken und rückkehrwilligen PKK-Mitgliedern verbesserte Amnestiebedingungen anbieten. Türks Partei DTP stellt zwar weitergehende Forderungen, doch unüberbrückbar erscheint die Distanz zwischen den Regierungsplänen und den Vorstellungen der DTP nicht zu sein. Spätestens bis zum Jahresende solle der Regierungsplan stehen, kündigte Erdogan an.

Nicht nur Ankara feilt an einem Plan. Zum 25. Jahrestag des ersten bewaffneten Anschlags seiner Rebellen am 15. August 1984 hatte Öcalan von seiner Zelle auf der Gefängnisinsel Imrali bei Istanbul aus eine „Road Map“ zur Kurdenfrage angekündigt. Öcalans Anwälte erklärten nach einem Besuch bei ihrem Mandanten am Freitagabend jedoch, der Plan sei noch nicht ganz fertig. Er soll nun kommende Woche vorgestellt werden.

Wie Öcalans „Road Map“ aussehen wird, ist noch nicht bekannt. Kurdenpolitiker erwarten, dass er die Voraussetzungen für eine endgültige Einstellung des bewaffneten Kampfes der PKK darlegen wird. Die Kurdenrebellen stehen unter Druck: In ihren nordirakischen Verstecken sind sie nicht mehr willkommen, weil die irakischen Kurden mit Blick auf den anstehenden Abzug der USA ihre Beziehungen zur Türkei verbessern wollen.

Zu dieser für eine Konfliktbeilegung günstigen Entwicklung tritt eine wichtige Veränderung in der Türkei selbst. Bei der Regierung und selbst bei der Armee hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass der Kurdenkonflikt mit einem militärischen Vorgehen gegen die PKK allein nicht zu lösen ist. Gebraucht würden auch soziale, politische, kulturelle und wirtschaftliche Schritte, lautet die neue Haltung. Gemeinsam mit der veränderten Lage im Irak ergibt sich so eine „historische Gelegenheit“ zur Lösung des Kurdenkonflikts, wie Staatspräsident Abdullah Gül es formuliert hat.

Unumstritten ist die Regierungsinitiative für die Kurden dennoch nicht. Nationalisten sprechen von Vaterlandsverrat und lehnen Gespräche mit Erdogan über einen von allen Parteien getragenen Kurdenplan ab. Erdogan selbst wirbt trotzdem für ein gemeinsames Vorgehen und verweist dabei auf den Schmerz, unter dem alle Angehörigen von Opfern der Gewalt leiden. Trauernden Müttern gehe es nicht um Ideologie oder Politik.

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