Türkei : Erst Kindbraut, jetzt Bürgermeisterin

Eine Kurdin aus dem Südosten der Türkei ist zur Hoffnungsträgerin vieler Frauen geworden - vor allem von jungen Kinderbräuten. Denn Berivan Elif Kilic wurde selbst mit 15 verheiratet. Nun ist sie Bürgermeisterin einer Kleinstadt.

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Stimmauszählung bei der Kommunalwahl.
Stimmauszählung bei der Kommunalwahl.Foto: AFP

Berivan Elif Kilic hat eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich. Mit 15 wurde die Kurdin aus dem Südosten der Türkei zwangsverheiratet, mit 16 war sie zum ersten Mal Mutter. Jahrelang wurde sie von ihrem Mann verprügelt und gedemütigt – doch dann startete sie ihre Befreiung, oder wie sie selbst sagt: ihren ganz privaten „Krieg“. Und den hat sie gewonnen. Kilic ließ sich scheiden und engagierte sich politisch. Am vergangenen Sonntag wurde sie zur Bürgermeisterin der Kreisstadt Kocaköy im Kurdengebiet gewählt. Ihre Wahl ist nicht nur ungewöhnlich, weil sie eine ehemalige Kinderbraut ist, sondern auch, weil sie das islamische Kopftuch trägt, was Amträgern in der Türkei bis vor kurzem verboten war. Im neuen Amt will sie sich vor allem um die Frauenrechte kümmern.

Irgendwann im Laufe der Woche werde sie ihr Amt antreten, sagte die 33-jährige Kilic am Dienstag dem Tagesspiegel. Kilic teilt sich den Posten mit Affüllah Kar, einem ehemaligen Imam aus Kocaköy. Die Kurdenpartei BDP hatte die beiden als Ko-Kandidaten für das Bürgermeisteramt aufgestellt; ähnlich wie die deutschen Grünen will die BDP mit dem System der Doppelspitze die Rolle der Frau stärken. In Kocaköy wartet viel Arbeit auf eine Frauenrechtlerin wie Kilic. „Es gab bisher keine einzige Frau in der Stadtverwaltung“, sagte sie. Kilic, die mit ihren zwei Kindern bei ihren Eltern in Kocaköy wohnt, will gegen den Herrschaftsanspruch der Männer kämpfen. „Mir glauben die Leute, denn ich habe mein Wissen nicht aus Büchern. Ich bin selbst verprügelt worden.“

„Ich bin ein Vorbild.“

Kilic hat bisher nur den Grundschlussabschluss, weil sie nach dem vierten Schuljahr von ihren Eltern aus der Schule genommen wurde, um zu heiraten. Derzeit holt sie das Abitur nach, später will sie Soziologie oder Psychologie studieren. Schon jetzt spüre sie, wie ihre Lebensgeschichte den Frauen in der Gegend Mut mache. „Sie sehen, man kann alles erreichen. Schauen Sie: Ich habe keine Ausbildung, keinen Beruf, und bin trotzdem Bürgermeisterin geworden. Da sagen die Leute: Wenn Berivan das schafft, dann schaffe ich das auch“, sagte Kilic. „Ich bin ein Vorbild.“ Den Frauen werde immer eingeredet, Prügel und Erniedrigungen seien nun einmal ihr Schicksal. „Aber das stimmt nicht. Kein Mensch hat mehr Rechte als der andere.“

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in der Türkei liegt bei 17 Jahren. Nur in Ausnahmefällen darf ein Richter eine Hochzeit mit 16 erlauben. Dennoch gibt es viele Frauen wie Kilic, die noch jünger sind und in illegalen Zeremonien von islamischen Geistlichen getraut werden. Auf 180.000 schätzte eine wissenschaftliche Untersuchung die Zahl der minderjährigen Kinderbräute in der Türkei. Nach einer anderen Studie können drei von vier von ihnen nicht lesen oder schreiben, jede dritte sieht ihren Bräutigam bei der Hochzeit zum ersten Mal. Bei Kilic war es ein entfernter Verwandter.

Sie will Fortbildungskurse für Frauen einrichten

In Kocaköy, einer Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern, die von der Landwirtschaft lebt, will die neue Bürgermeisterin mit den bescheidenen Mitteln der Kommune bald Fortbildungskurse für Frauen einrichten. Viele türkische Frauen, die von ihren Männern misshandelt werden, scheuen vor einer Scheidung zurück, weil sie ohne jede Ausbildung wirtschaftlich von ihrem Peiniger abhängig sind. Die frisch gebackene Lokalpolitikerin will sich zudem auf die Suche nach Partnerstädten in Deutschland oder anderen europäischen Ländern machen. Kilic weiß, dass sie vor einer riesigen Aufgabe steht. Erst vor wenigen Jahren sei in Kocaköy ein Mädchen vom eigenen Bruder getötet worden – weil es angeblich einen fremden Mann angeschaut hatte. „Der Bruder wurde nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen“, sagte sie. „Das ist die Mentalität, die wir brechen wollen.“

 


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