Politik : Türkei fürchtet Zerfall des Irak

Thomas Seibert

Istanbul - Eine rein erfreuliche Premiere war es nicht für Ghasi al Jawar. Als der Übergangspräsident des Irak am Montag bei seiner ersten offiziellen Auslandsreise in Ankara eintraf, warteten die Gastgeber auf ihn mit einer langen Beschwerdeliste. Die Angriffe auf türkische Lastwagenfahrer im Irak sind Thema des zweitägigen Besuches ebenso wie türkische Sorgen wegen kurdischer Autonomiebestrebungen im Nordirak.

Als Nachbarstaat verfolgt die Türkei die Lage im Irak mit wachsender Sorge. Die Situation werde jeden Tag schlimmer, heißt es in einer Analyse der türkischen Regierung. Der Widerstand gegen die Besatzungstruppen und die Regierung weite sich aus und bekomme immer mehr Zulauf. Während al Jawar in Ankara Gespräche führt, wurde bekannt, dass erneut zwei türkische Lastwagenfahrer entführt worden sind. Sie hatten Trinkwasser für die US-Armee transportiert. Anfang August war ein türkischer Arbeiter von seinen Kidnappern erschossen worden. Auf das Geschäft im Irak will die Türkei trotzdem nicht verzichten. Deshalb verlangt Ankara von al Jawar, Bagdad solle die Sicherheitsvorkehrungen für türkische Lastwagenfahrer verstärken.

Zudem befürchtet man, dass das Land in einen schiitischen Süden, ein sunnitisches Zentrum und einen kurdischen Norden zerbrechen könnte. Ein Kurdenstaat vor der eigenen Haustür ist ein außenpolitischer Albtraum der Türkei. Präsident Ahmet Necdet Sezer und Premier Recep Tayyip Erdogan betonten deshalb, die ethnischen Gruppen – gemeint waren vor allem die Kurden – sollten ihre eigenen Interessen zum Wohle des Gesamtirak zurückstellen. Um ihre Präsenz im kurdischen Norden auszubauen, will die Türkei in Mossul ein Konsulat eröffnen.

Ankara verlangt von al Jawar auch, Druck auf die rund 5000 Kämpfer der türkisch-kurdischen Rebellengruppe PKK zu machen, die sich im Nordirak verschanzt haben. Ankara ist verstimmt, weil die USA trotz etlicher Zusagen bisher nicht gegen deren Lager vorgegangen sind. Für die USA kann der Angriff auf die PKK warten. Dagegen drängt die Türkei auf ein rasches Vorgehen. Denn die über die Grenze kommenden Kurdenkämpfer verüben wieder vermehrt Anschläge auf türkischem Boden.

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