Türkei : Geheimdienst: Ausgang der Entführung "total ungewiss"

Deutsche und türkische Geheimdienste zeichnen ein beunruhigendes Szenario der Entführung am Ararat: Die Unberechenbarkeit der PKK stelle die größte Gefahr für die verschleppten Bergsteiger dar.

Friedrich Kuhn[ddp]
PKK
Entschlossen: Mitglieder der PKK. -Foto: AFP

Berlin/AnkaraVertreter von Geheimdiensten sehen in der Unberechenbarkeit der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) die größte Gefahr für die von ihr entführten drei bayerischen Bergsteiger. "Wir wissen überhaupt nicht, wo und wie wir möglicherweise ansetzen könnten, um an die Entführer irgendwie heranzukommen", war aus Sicherheitskreisen am Montag in Berlin zu hören.

Ähnlich äußerten sich Geheimdienstler in der türkischen Hauptstadt Ankara. Habe es nach dem Kidnapping am Berg Ararat in der Osttürkei noch Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Falles gegeben, müsse man nun von einem "total ungewissen Ausgang der Entführung ausgehen", war aus zuständigen türkischen Kreisen zu erfahren.

Die Entführer handeln ohne Wissen der Führung

Die Unberechenbarkeit besteht nach Darstellung der Geheimdienstler darin, dass eine lokale PKK-Gruppe offenbar ohne Wissen ihrer Führungskader gegen die Deutschen vorgegangen sei. Aus Solidarität habe sich aber schnell die PKK insgesamt dem Vorgehen ihrer Provinzkommandantur angeschlossen. Die PKK-Spitze soll sich "nur vordergründig" von der Eigeninitiative ihrer Provinzgruppe distanziert haben.

Die Unsicherheit für die Bemühungen zur Freilassung der Geiseln ergebe sich auch aus den divergierenden Haltungen der einzelnen PKK-Flügel gegenüber der Bundesregierung in Berlin. Ferner bestehe die Gefahr, dass es zu einer "Kurzschlusshandlung" der Kidnapper kommen könnte. Sie könnten Gewaltanwendung als "letzte Lösung des Geiseldramas ansehen", erläuterten deutsche Geheimdienstler.

Türkische Regierung spielt entscheidene Rolle

Neben den Bemühungen der Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesnachrichtendienstes (BND) vor Ort wird der türkischen Armee die "entscheidende Rolle" in dem Drama zugewiesen. Die türkischen Streitkräfte, die ständig mit Härte gegen die PKK-Kämpfer vorgehen, "würden es sich bestimmt nicht nehmen lassen, unter allen Bedingungen den Entführungsfall zu lösen", war aus deutschen und türkischen Quellen gleichermaßen zu vernehmen.

Die Spezialkommandos der türkischen Armee könnten "die Befreiung der Bergsteiger schaffen", unterstrichen Offiziere in Ankara und wiesen darauf hin, dass die Türken über ähnliche Kräfte verfügen wie das deutsche "Kommando Spezialkräfte" (KSK). Allerdings wurde auch darauf aufmerksam gemacht, dass die türkischen Soldaten "hart vorgehen könnten, ohne Rücksicht auf Verluste". Sobald die PKK-Entführer mit ihren Geiseln aufgespürt seien, würde die türkische Spezialeinheit "mit größter Wahrscheinlichkeit schnell zuschlagen".

Deutschland will gewalttätiges Handeln türkischer Spezialkräfte vermeiden

Aus deutschen Sicherheitskreisen war zu erfahren, "dass ein solches Vorgehen unter allen Umständen vermieden werden muss, um das Leben der Deutschen nicht zu gefährden". Den Verantwortlichen in Berlin sei allerdings bewusst, wie schwer es werden könnte, die türkischen Soldaten von einem gewalttätigen Vorgehen gegen die PKK-Kidnapper zurückzuhalten.

Erhebliche Sorgen bereitet es, wie die zahlreichen in der Bundesrepublik lebenden Kurden auf ein Einschreiten der türkischen Streitkräfte reagieren. Innenstaatssekretär August Hanning hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sich möglicherweise eine neue Gefahrenlage in Deutschland einstellen könnte. So werden neue Demonstrationen der 500.000 im Bundesgebiet lebenden Kurden befürchtet. Unter ihnen ist eine große Zahl von Extremisten. Der Bundesverfassungsschutz hatte festgestellt, die PKK verfüge in Deutschland weiter über einen "illegalen und konspirativ handelnden Funktionärskörper".

Die Versammlung kurdischer Vereine und Organisationen in Berlin hat jetzt aber die "sofortige Freilassung" der Entführten gefordert, teilte die Kurdische Demokratische Gemeinde zu Berlin-Brandenburg mit. Man wünsche sich auch eine Verstärkung der Bemühungen der Bundesregierung, "die demokratische und gewaltfreie Lösung der kurdischen Frage in der Türkei voranzubringen", heißt es in der Erklärung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatten am Sonntag in Paris eine intensive Zusammenarbeit vereinbart, um eine schnelle Freilassung der von Kurden entführten drei Bayern zu erreichen.

Erst im vergangenen Dezember hatten rund 10.000 Kurden in Düsseldorf für einen selbstständigen Kurdenstaat und für eine Beendigung der Angriffe der Türken auf ihre Landsleute in den Siedlungsgebieten im Osten der Türkei und im Nordirak lautstark demonstriert. Immer wieder skandierten sie: "Edi bese" - "Jetzt reicht's".

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