Türkei : Grenzstreit am Fuße des Ararat

In Alican, dem letzten türkischen Dorf vor Armenien, ist die Annäherung an den Nachbarn umstritten

Susanne Güsten[Alican]

Kurz hinter Alican ist die Türkei zu Ende. Die Straße führt aus dem bitteramen Dörfchen im Schatten des biblischen Berges Ararat im äußersten Osten Anatoliens geradewegs zu einem schwer gesicherten Posten der Armee. Dort, hinter ein paar Straßensperren, ist Schluss – denn dort verläuft die Grenze zu Armenien. Der Übergang ist geschlossen. Seit 16 Jahren ist hier niemand mehr von einem Nachbarland ins andere gegangen.

Das soll sich nun bald ändern, und deshalb wird auf den staubigen Dorfstraßen von Alican heftig über Außenpolitik diskutiert. Mindestens ebenso erregt und leidenschaftlich wie in der Hauptstadt Ankara wird über die Beziehungen zu Armenien gestritten. Laut der Vereinbarung zwischen der Türkei und Armenien, die am Samstag unterzeichnet wurde, sollen auf dem Übergang hinter dem Dorf bald wieder Reisende und Güter verkehren.

Wäre das nun gut oder schlecht für Alican? Die Meinungen gehen auseinander, die Bewohner von Ober-Alican sehen die Sache ganz anders als die Menschen aus Unter-Alican, etwa 1500 Meter Feldweg entfernt. Für Güven Güller, einen 28-jährigen Schlosser aus Ober-Alican, ist die Sache klar. „Die Grenze sollte geöffnet werden, das wäre für uns und für die ganze Provinz gut. Dann gäbe es hier endlich mal ein paar Arbeitsplätze, dann würde es hier besser“, sagt er unter beifälligen Rufen seiner Freunde.

Güven und seine Kumpels auf der Dorfstraße sind auf Urlaub in ihrem Dorf. Die Männer von Ober-Alican arbeiten die meiste Zeit im Jahr weit weg von zu Hause, in der Westtürkei oder im Ausland, weil es in Alican und in der gesamten Provinz Igdir keinen Lohn und kein Brot gibt. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet etwa 200 Euro im Monat gehört Igdir zu den ärmsten Gegenden der Türkei. In Alican gibt es nichts außer ein wenig Landwirtschaft.

Deshalb arbeitet Güven im irakischen Erbil, mehr als 400 Kilometer Luftlinie südlich von seinem türkischen Heimatdorf, und kommt nur selten nach Hause. „Wenn die Grenze zu Armenien geöffnet würde und sich hier wirtschaftlich etwas regen würde, dann könnte ich hier bleiben und ein Geschäft eröffnen.“

Solche Argumente lässt man nebenan in Unter-Alican nicht gelten. „Bevor Armenien nicht aus Karabach abzieht, darf die Grenze nicht geöffnet werden. So denken wir“, sagt der alte Bauer Salim. Er sieht nicht ein, warum die Türkei die Grenze öffnen soll, wo doch die Armenier immer noch Teile des Staatsgebietes des türkischen Verbündeten Aserbaidschan besetzt halten – die Enklave Berg-Karabach, die in den frühen neunziger Jahren von Armenien angegriffen wurde. Nach grausamen Massakern beider Seiten schlossen sie 1994 einen Waffenstillstand, doch die Armenier blieben in Karabach. Schon 1993 schloss die Türkei aus Protest gegen Armenien die Grenze.

„Ich bin dagegen, dass die Grenze geöffnet wird, denn erst muss Armenien aus Karabach abziehen, das ist das Wichtigste“, sagt auch der junge Bauer Sinan. Überhaupt sei von den Armeniern nichts Gutes zu erwarten, meint er und erinnert an die Angriffe armenischer Freischärler auf moslemische Dörfer in dieser Gegend im Ersten Weltkrieg. „Und dann werfen sie der Türkei immer Völkermord vor“, sagt er. „Dabei sind sie es doch, die massakrieren und morden, damals hier in der Gegend und dann in Karabach.“ Solange Karabach besetzt sei, dürfe die Grenze nicht geöffnet werden, sagt auch der Bürgermeister von Unter-Alican, Kenan Önal.

Ober-Alican und Unter-Alican trennen nicht nur 1500 Meter staubiger Feldweg, sondern auch Sprache, Kultur, Religion und Geschichte. Ober-Alican ist ein kurdisches Dorf, in Unter-Alican leben Azeri-Türken – Angehörige einer eng mit dem aserbaidschanischen Volk verwandten türkischen Minderheit, die überwiegend in der Grenzprovinz Igdir verwurzelt ist. Rund zwei Drittel der Bevölkerung stellen die Azeri in dieser Region, das übrige Drittel sind Kurden. Und entlang dieser ethnischen Unterschiede verlaufen auch die Meinungsverschiedenheiten beim Thema Armenien.

Eine erregte Wendung nimmt die Diskussion in Unter-Alican denn auch, als ein kurdischer Lieferant aus einem Nachbardorf dazutritt. Eine Grenzöffnung könne der ganzen Osttürkei doch einen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren, meint der Mann. „Aber weil die Azeris hier so rassistisch denken, wird nichts daraus. Wir Kurden wollen das alle, aber die Azeris sind dagegen, weil ihren Landsleuten in Karabach Unrecht angetan wird. Das ist doch Rassismus.“

Der Kurde schwingt sich in seinen Lieferwagen und fährt davon. Der Mann habe leicht reden, sagt Bürgermeister Önal. „Diese Kurdensippen wollen alle, dass die Grenze aufgemacht wird, aber die haben eben auch mit nichts was zu tun. Bei uns ist das anders: Die Azeri in Karabach sind von meinem Volksstamm, die Menschen, die da unterdrückt werden, sind meine Leute.“ Dabei weiß Önal, dass er mit seiner Haltung einen möglichen Aufschwung ausschlägt. „Niemand lebt näher an der Grenze als wir hier, niemand würde mehr von der Öffnung profitieren als wir – aber wir wollen das nicht, bevor Armenien aus Karabach abgezogen ist.“

Aber vor allem unter den jüngeren Azeri gibt es einige, die anders denken und einen Neubeginn mit den Armeniern wollen – sogar in Unter-Alican, wie die junge Bauersfrau Sibel Baglamli: „Wenn es nach mir ginge, würde die Grenze geöffnet. Diese alten Feindschaften müssen doch endlich begraben werden.“

Sibels Mann denkt genauso, und er hat etwas Unerhörtes getan: Der junge Bauer ist nach Armenien gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. „Ganz außenrum über Georgien ist er eingereist und hat sich zehn Tage lang dort umgesehen“, erzählt Sibel. „Er sagt, das wären aufrichtige und gute Menschen, die Armenier. Wenn die Grenze geöffnet wird, dann fahren wir zusammen rüber, mein Mann und ich, das hat er mir versprochen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar