Türkei : Islamisierung oder Normalisierung?

Türkischstämmige SPD-Politikerin Dilek Kolat sieht eine besorgniserregende Entwicklung am Bosporus – die Regierungspartei weist die Vorwürfe zurück.

Werner van Bebber[Berlin],Thomas Seibert[Istanbul]

Da saß die Berliner SPD-Frauengruppe in Istanbul auf einer Restaurantterrasse und wollte Abschied feiern. Schon mehrfach waren die 14 Frauen, alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses, in Istanbul gewesen. Diesmal hatten sie, so erzählt es die Abgeordnete Dilek Kolat, eine Deutsche türkischer Herkunft, lauter inoffizielle Termine gemacht und Gespräche geführt, um hinter die politischen Fassaden zu sehen. Dass, wie die Sozialdemokratin es sieht, die Islamisierung der Türkei sogar in einer weltoffenen Stadt wie Istanbul voranschreitet, bekam der „Branitzer Kreis“, so nennt sich die Frauengruppe, ausgerechnet beim Blick auf den Bosporus vorgeführt: Dilek Kolat spricht Türkisch, deshalb übernahm sie die Bestellung des Essens und der Getränke. Nach kurzer Zeit stellte sie fest, dass ihre Reisegenossinnen den bestellten Rotwein in den Gläsern hatten – nur sie und ihre ebenfalls türkisch sprechende Nichte hatten nichts bekommen. Vom Kellner erfuhr sie, dass das Restaurant an Türkinnen keinen Alkohol ausschenken dürfe, der Geschäftsführer bestätigte das.

Für Kolat war das, wie sie sagt, ein „Schock“. In Istanbul sei es eigentlich üblich, zum Abendessen Raki – einen Anisschnaps – zu trinken. Dass nunmehr mancherorts gelte: Muslime trinken keinen Alkohol, führt Kolat auf Vorgaben der Regierungspartei AKP zurück. Ähnlich wie ihren Eindruck, dass die Zahl der Kopftuch tragenden Frauen erheblich zugenommen habe. Und sie und ihre Mitreisenden aus zahlreichen Gesprächen die Erkenntnis gewonnen hätten, dass eine demonstrative Befolgung der Empfehlungen des Korans den Frauen Vorteile bringe: Bei Stellenbewerbungen im öffentlichen Dienst würden die Kandidatinnen genommen, die sich konservativ und mit Kopftuch kleideten – auch wenn Konkurrentinnen qualifizierter seien. Es würden Strände eingerichtet, an denen die islamisch-konservativen Frauen komplett verhüllt baden könnten. Die türkische Gesellschaft spalte sich immer mehr in die, die es mit dem Koran sehr genau nehmen, und jene, die einen westlichen Lebensstil vorziehen.

In der politischen Auseinandersetzung über diese von der AKP forcierte Entwicklung finde der Freiheitsbegriff eine ungewöhnliche Verwendung, sagt Kolat: „Der Freiheitsbegriff wird daran festgemacht, dass Frauen an den Universitäten Kopftuch tragen dürfen.“ Diese Entwicklung bereite ihr Sorge.

Die Beobachtungen der Berliner Delegation ähneln den Vorwürfen, die kemalistische Parteien in der Türkei an die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan richten: Von einem islamistischen „Nachbarschaftsdruck“ etwa auf Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen, ist da die Rede. Erdogans Regierung weist dies zurück. Bei ihrer Forderung nach einer Freigabe des Kopftuchs für Studentinnen betont sie, dass nun einmal zwei von drei Frauen in der Türkei das Kopftuch trügen und dass eine Ausgrenzung von einem Drittel der Frauen von der Hochschulbildung kaum demokratisch zu nennen sei. Laut Umfragen befürworten mehr als zwei Drittel der türkischen Wähler eine Freigabe des Kopftuches – also auch Millionen von Türken, die Erdogan nicht gewählt haben.

Umstritten ist, ob die Zahl der Kopftuch tragenden Frauen in Erdogans Regierungszeit zugenommen hat. Fest steht, dass auf den Straßen und in den Cafes der türkischen Städte mehr Kopftuchfrauen zu sehen sind als in früheren Jahren. Soziologen sehen dies als Konsequenz eines gewachsenen Selbstvertrauens fromm-konservativer Bevölkerungsschichten: Die Kopftuchfrauen wagen sich aus dem Haus und in die schicksten Einkaufszentren. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass immer mehr Türken den politischen Islam unterstützen. Der Anteil der Scharia-Anhänger liegt seit vielen Jahren unverändert unter zehn Prozent.

Auch beim Thema Alkoholausschank ist die Lage komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Häufig wird gegen AKP-kontrollierte Stadtverwaltungen der Vorwurf erhoben, sie erschwerten den Alkoholausschank. Tatsächlich gibt es Restaurants, die Alkohol nur an Ausländer ausschenken, nicht aber an Türken, weil sie keine offizielle Schankgenehmigung besitzen. Doch auch das Istanbuler Vergnügungsviertel Beyoglu, in dem auf engem Raum mehr Kneipen, Bars und Nachtclubs zu finden sind als in mancher westeuropäischen Großstadt, wird von der AKP regiert – trotzdem fließt dort der Alkohol in Strömen. Amtlichen Statistiken zufolge hat im letzten Jahr der Konsum von Raki, Wodka und Wein in der Türkei zwar abgenommen, dafür tranken die Türken aber mehr Bier als je zuvor.

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