Türkei : "Jetzt ist Zypern an der Reihe"

Die Türkei plant eine neue Initiative für die geteilte Insel :Laut bisher unbestätigten Berichten sucht Ankara nach einem Weg, um den Zypern-Streit mit der EU aus der Welt zu schaffen.

Thomas Seibert

Istanbul - Ahmet Davutoglu ist ein viel beschäftigter Mann. Innerhalb weniger Wochen hat der türkische Außenminister gleich an mehreren Fronten diplomatisches Neuland betreten. Er hat eine Grundsatzvereinbarung zur Aussöhnung mit Armenien unterschrieben, an der ersten gemeinsamen türkisch-syrischen Kabinettsitzung in Damaskus teilgenommen, mit der Unterzeichnung von fast 50 Vereinbarungen in Bagdad die Beziehungen zum Irak vorangebracht und bei einem Besuch in Teheran mit dem Nachbarn Iran über eine engere Zusammenarbeit gesprochen. Und nun? „Jetzt ist Zypern an der Reihe“, berichten die türkischen Zeitungen. Davutoglu dringt auf eine Lösung für die geteilte Mittelmeerinsel – nicht zuletzt, um die türkischen EU-Chancen zu verbessern.

Zypern ist seit einem griechisch-zyprischen Putsch und einer dadurch ausgelösten türkischen Militärintervention 1974 geteilt. Vor fünf Jahren lehnten die Inselgriechen einen UN-Plan für die Wiedervereinigung ab. Seit dem vergangenen Jahr laufen neue Friedensverhandlungen, die aber ebenfalls bisher ergebnislos blieben.

Vor zwei Wochen ließ Davutoglu knapp 40 türkische Botschafter nach Ankara einfliegen. In einem zweitägigen „Brainstorming“ entwickelten die Diplomaten neue Ideen zur Lösung des Zypern-Konflikts, wie das Außenamt anschließend mitteilte. Kurz darauf war der türkisch-zyprische Volksgruppenführer Mehmet Ali Talat in Ankara zu Gast, wo er auf die neue Linie eingeschworen wurde.

In dieser Woche wendet sich Ankara ans Ausland. An diesem Donnerstag wird der britische Außenminister David Milliband in der türkischen Hauptstadt erwartet. Gleichzeitig jettet der türkische EU-Minister Egemen Bagis nach Athen, und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will eine Begegnung mit US-Präsident Barack Obama in Washington am Wochenende nutzen, um die Amerikaner ins Boot zu holen.

Inhaltlich ruht die türkische Initiative offenbar auf zwei Säulen. Zum einen will Ankara Bewegung in die Friedensgespräche zwischen Talat und dem griechisch-zyprischen Präsidenten Demetris Christofias bringen. Der zweite Aspekt ist außenpolitischer Natur. Laut bisher unbestätigten Berichten sucht Ankara nach einem Weg, um den Zypern-Streit mit der EU aus der Welt zu schaffen. Brüssel hat acht Verhandlungskapitel der türkischen Beitrittsgespräche auf Eis gelegt, weil die Türkei ihre Häfen nicht für Schiffe aus der zur EU gehörenden griechisch-zyprischen Republik öffnen will. Davutoglu will die EU nun offenbar dazu bewegen, das Handelsembargo gegen den türkischen Inselsektor etwas zu lockern. Dann könnten sich erste türkische Häfen für griechische Zyprer öffnen.

Nach den diplomatischen Erfolgen im Süden und Osten der türkischen Grenzen wird Zypern nun zur Bewährungsprobe der Vision des Außenministers, die Türkei zur Regionalmacht zu machen, die ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarn hat.Thomas Seibert

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