Türkei : Mädchen von Verwandten lebendig begraben

Das türkische Parlament befasst sich mit dem Fall eines 16-jährigen Mädchens aus Ostanatolien, das von ihren Verwandten lebendig begraben wurde. Polizisten wollten sich offenbar wegen angeblicher "Familienehre" nicht einmischen.

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Medine
In dieser Grube wurde der Körper des Mädchens gefunden. -Foto: AFP

IstanbulDer Mord an Medine Memi aus dem ostanatolischen Kahta, die von ihrer Familie lebendig begraben wurde, war ein grausames und verabscheuungswürdiges Verbrechen, da sind sich alle einig. "Dass so etwas bei uns passiert ist, macht uns traurig," sagt Mehmet Ali Alancirit. Der Lokaljournalist, Chefredakteur der Zeitung "Adiyaman'da Bugün" in Ostanatolien, hat den Fall der 16-jährigen genau verfolgt. Um einen Ehrenmord habe es sich nicht gehandelt, eher um einen brutalen Racheakt innerhalb einer gewalttätigen Familie, sagt Aslancirit. Medines Familie versuchte jedoch, die Gewalt gegen das Mädchen mit dem Ehrbegriff zu bemänteln - weil sie hoffte, dass die Behörden dann nicht so genau hinschauen.

Damit hatte die Familie sogar Erfolg, sagt Seihrban Özatik, Mitarbeiterin der kurdischen Parlamentsabgeordneten Fatma Kurtulan aus dem ostanatolischen Van. Kurtulan will per parlamentarischer Anfrage von der Regierung in Ankara wissen, warum Medine nicht unter Polizeischutz gestellt wurde, als sie sich bei den Behörden über die ständigen Prügel durch ihren Vater und Großvater beschwerte und den Behörden von illegalen Waffen in ihrem Elternhaus berichtete. Ein anderer Parlamentsabgeordneter will vom Bildungsministerium Auskunft darüber, warum die Schulbehörden in Kahta im Fall Medine untätig blieben, obwohl das Mädchen von ihren Eltern nie zur Schule geschickt wurde.

Vater und Großvater von Medine, die in Untersuchungshaft sitzen und wegen des Mordes mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen müssen, waren laut Presseberichten in Kahta als gewalttätig bekannt. Laut Özatik ließ sich die Polizei trotzdem von den Eltern des Mädchens mit dem Hinweis auf die angeblich beschmutzte Familienehre abwimmeln. Medine sei verprügelt worden, weil sie mit Männern gesprochen habe, habe die Familie den Beamten nach einer Beschwerde des Mädchens gesagt. Der Polizei genügte das. "Wenn in der Türkei die Ehre als Grund für Gewalt genannt wird, dann sagt die Polizei: ‚Ok, da mische ich micht nicht ein'", sagt Özatik.

Offenbar als Bestrafung für ihre Beschwerde bei der Polizei wurde Medine von Vater und Großvater so brutal geschlagen, dass sie ohnmächtig wurde. "Sie dachten, sie sei tot", sagt Lokaljournalist Aslancirit. Sie verscharrten sie in einem mit einem Betondeckel verschlossenen Schacht im Hinterhof, wo Medine qualvoll starb. Erst mehrere Wochen später suchte die Polizei nach ihr - nicht aus eigenem Antrieb, sondern aufgrund eines anonymen Hinweises.

So genannte Ehrenverbrechen sind Morde an Frauen, die es nach Meinung ihrer Familie an Sittsamkeit fehlen lassen und damit angeblich die Familienehre beschädigen. Medine dagegen musste sterben, weil sie sich wegen der kriminellen Machenschaften von Vater und Großvater an die Polizei wandte - die Behörden helfen den Frauen nur selten.

Hätten die Polizei das Mädchen vor der Familie geschützt, so wie es die Gesetze vorsehen, würde Medine noch leben, sagt Özatik. Sie kennt zahlreiche Fälle von Gewalt gegen Frauen im türkischen Südosten, bei denen die Behördenvertreter den Tätern mildernde Umstände zumessen. Staatsanwälte, die sonst jedes Steine werfende Kind als potenziellen kurdischen Terroristen verfolgen, schicken Frauen wieder nach Hause, die von ihren Männern verprügelt wurden und um Hilfe bitten.

Das habe sich auch nach der Änderung des türkischen Strafgesetzbuches vor fünf Jahren nicht geändert, als bis dahin geltende Strafnachlässe für Ehrenverbrechen abgeschafft wurden, sagt Özatik. "Die Mentalität hat sich nicht geändert."

Dass im Fall Medine von einem Ehrenmord die Rede ist, hängt nach Meinung des Journalisten Aslancirit vor allem mit dem Ruf des kurdischen Ostanatoliens in den türkischen Medien zusammen. Die großen Zeitungen des Landes hatten zunächst von einem Ehrenverbrechen berichtet und erst dann das mutmaßliche innerfamiliäre Rachemotiv für den Mord erwähnt. "Hier hat es seit 25 Jahren keinen Ehrenmord gegeben", sagt Aslancirit über Kahta. Trotzdem sei der Begriff sofort in die Diskussion gekommen. Das sei eine Folge der Art und Weise, "wie uns die West-Türken sehen".

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