Politik : Türkei: "Mehmetcik" zieht in den Krieg

Thomas Seibert

Die Türken an die Front? Soldaten aus dem einzigen moslemischen Nato-Staat könnten schon bald an der westlichen Militäraktion in Afghanistan teilnehmen. Das Kabinett in Ankara billigte die Truppenentsendung am Montagabend und bereitete eine Vorlage für das Parlament vor, das dem Vorhaben zustimmen muss.

Die USA sollen am vergangenen Wochenende hinter verschlossenen Türen um eine direkte Beteiligung der türkischen Armee gebeten haben. Die türkischen Erfahrungen aus dem Guerilla-Krieg gegen die kurdischen PKK-Rebellen seien für einen möglichen Bodentruppen-Einsatz in Afghanistan wertvoll, ließen die Amerikaner die politische und militärische Führung in Ankara wissen. Ein Teil der türkischen Öffentlichkeit fühlt sich zwar geschmeichelt, doch die Vorstellung, weiter in den Krieg hineingezogen zu werden, sorgt auch für beträchtliche Unruhe.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Wenn es eines gibt, auf das die meisten Türken trotz aller Probleme im Land stolz sind, dann ist es die Armee. Nach einem Soldaten des Ersten Weltkrieges, der der Legende nach todesmutig gegen den Feind anrannte, nennen sie die Mitglieder der Streitkräfte "Mehmetcik", kleiner Mehmet. Auslandseinsätze sind für "Mehmetcik" nichts Neues: Schon am Korea-Krieg nahmen die Türken teil. Und nun werden möglicherweise Spezialeinheiten nach Afghanistan geschickt, um Kämpfer der Taliban-Gegner von der so genannten Nördlichen Allianz auszubilden und vielleicht auch selbst in Kämpfen mitzumischen. In türkischen Zeitungsberichten ist von mindestens 300 Soldaten die Rede, die bald den Marschbefehl erhalten könnten; gerüchteweise könnten es sogar 3000 sein.

Parallelen zwischen einem möglichen Afghanistan-Einsatz und dem PKK-Krieg betreffen die voraussichtliche Art der Auseinandersetzung und das Terrain: In beiden Fällen geht es um die Bekämpfung einer Guerrilla in einer unübersichtlichen und unwegsamen Bergregion. Die für Afghanistan in Frage kommenden Spezialeinheiten der Armee wurden von der bürgerlichen Presse am Dienstag als Super-Rambos präsentiert.

Doch auch außerhalb des islamistischen Lagers macht sich in der Türkei das Gefühl breit, dass Krieg immer näher rückt. Bisher hatte die türkische Regierung die Entsendung eigener Truppen abgelehnt; nun aber glaubt sie, sich wegen ihrer Bündnisverpflichtungen im Rahmen der Nato einer möglichen Truppen-Anforderung nicht entziehen zu können. Mit Sorge registriert Ankara zudem die Überlegungen Washingtons über baldige Angriffe auf den türkischen Nachbarstaat Irak. Ankara fürchtet, nach einer Bombardierung von Bagdad könnte Irak auseinanderbrechen und in seinem Norden ein Kurdenstaat entstehen. Gemessen an dieser türkischen Horror-Vorstellung wäre die Entsendung von "Mehmetcik" nach Afghanistan fast ein harmloser Spaziergang.

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