Türkei : Millionen demonstrieren gegen Islamisierung

Bei einer Massenkundgebung in Izmir demonstrierten rund eine Million Türken für die Beibehaltung der Trennung von Staat und Kirche und gegen die islamisch-konservative Regierung.

Istanbul - Die Kundgebung verwandelte die Uferstraßen über Kilometer in ein Fahnenmeer aus roten Landesflaggen mit Stern und Halbmond. Auch von Schiffen und Booten wurden Fahnen geschwenkt. Mit Musik und Liedern erinnerte der Massenprotest an ein großes Volksfest. Türkische TV-Sender schätzten die Zahl der Teilnehmer auf eine Million oder mehr und sprachen von einem "historischen Tag".

Nachdem am Vortag bei einem Bombenanschlag auf einen Wochenmarkt in Izmir ein Mensch getötet und 14 weitere verletzt worden waren, verlief die Kundgebung ohne Zwischenfälle. "Die Türkei ist laizistisch (Trennung von Staat und Religion) und wird es bleiben", lautete eine der Parolen. Die Kundgebungstribüne wurde von einem Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk überragt. Nach vorangegangenen Massenprotesten in Ankara und Istanbul war die Kundgebung in Izmir bereits die dritte Großdemonstration von Gegner der islamisch geprägten Regierung innerhalb eines Monats.

Am Rand der Staatskrise?

Der Protest hatte sich daran entzündet, dass die Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Außenminister Abdullah Gül im Parlament zum Staatspräsidenten wählen lassen wollte. Nach dem Scheitern der Wahl, zu der maßgeblich das türkische Militär mit einer scharfen Warnung vor einer Islamisierung des Staates beigetragen hatte, hatte das türkische Parlament Neuwahlen für den 22. Juli beschlossen. Laut Umfragen könnten Erdogan und seine regierende AKP von der Krise profitieren und erneut als stärkste Kraft aus den vorgezogenen Parlamentswahlen hervorgehen. Mit einer in der vergangenen Woche verabschiedeten Verfassungsänderung will die Regierungspartei zudem durchsetzen, dass der Staatspräsident künftig vom Volk gewählt wird.

Durch die Explosion auf einem Wochenmarkt in Izmir waren am Samstag 15 Menschen durch herumfliegende Metallteile verletzt worden. Ein 41-jähriger Mann erlag später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Der an einem Fahrrad befestigte Sprengsatz war explodiert, als die Händler am Morgen gerade ihre Stände aufgebaut hatten. Weil es noch früh war, waren kaum Besucher auf dem Markt. Durch die Explosion waren Marktstände verwüstet worden, Scheiben umliegender Häuser und geparkter Autos zu Bruch gegangen. (tso/dpa)

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