Türkei : Mit einem Turnschuh gegen Banker und Bosse am Bosporus

Ein Student in Istanbul hat sich den irakischen Schuhwerfer zum Vorbild genommen und einen Turnschuh auf IWF-Chef Strauss-Kahn geschleudert.

Thomas Seibert[Istanbul]

Selcuk Özbek gab sich Mühe, aber ganz so weit wie sein Vorbild Muntazer al Zaidi, der Schuhwerfer von Bagdad, kam er nicht. Aus der achten Reihe eines Auditoriums der Bilgi-Universität in der türkischen Metropole Istanbul schleuderte Özbek am Donnerstag während eines Vortrags von IWF-Chef Dominique Strauss Kahn einen Turnschuh in Richtung Bühne. Der weiße Schuh kullerte dem 60-jährigen IWF-Direktor vor die Füße, während Özbek, verfolgt von Sicherheitsbeamten, durch den Gang nach vorne zur Bühne lief. "IWF, raus aus der Türkei", konnte der junge Mann noch rufen, bevor er überwältigt und aus dem Saal geschleift wurde. Mitstreiter Özbeks im Publikum entrollten ein IWF-kritisches Transparent, wurden aber ebenfalls schnell festgenommen.

Bei seiner Aktion orientierte sich Özbek ganz offensichtlich an Zaidi, der mit gezielten Würfen im vergangenen Dezember den damaligen US-Präsidenten George Bush bei einer Pressekonferenz in Bagdad zu Ausweichmanövern zwang und für viele Menschen im Nahen Osten zum Helden wurde; jemanden mit Schuhen zu bewerfen, gilt in der arabischen Welt als schwere Beleidigung - auch die Türken verstehen die Botschaft.

IWF-Chef bleibt gelassen

Nach dem Schuhwurf blieb Strauss-Kahn gelassen. Er beantwortete noch eine Frage von Studenten und beendete dann die Veranstaltung. Immerhin habe Özbek mit seiner Aktion bis zum Ende seines Auftritts gewartet, sagte er. Beim Verlassen des Saals bekam der IWF-Chef ebenfalls kritische Slogans zu hören.

Strauss-Kahn nimmt in Istanbul an der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank teil. Angesichts der schwersten Krise des Kapitalismus seit mehr als 60 Jahren wollen rund 15.000 Regierungsvertretern, Bankern und Experten eine Zwischenbilanz ziehen. Um Wege aus der Finanzkrise und Möglichkeiten zur Verhinderung neuer Desaster soll es bei der in einem eigens errichteten und stark gesicherten Konferenzzentrum am Bosporus gehen.

Während sich Banker und Bosse Gedanken über Auswege aus der Krise machen, rufen Gegner von IWF und Weltbank dazu auf, den Mächtigen zu zeigen, dass sie unerwünscht sind in Istanbul. Mehrere große türkische Gewerkschaften schrieben in einem offenen Brief, auf Einladung von "Arbeitern, Arbeitslosen und Armen" seien die Gäste ganz bestimmt nicht ins Land gekommen. Ein linkes Protestbündnis namens "Widerstand Istanbul" will mit täglichen Kundgebungen Druck machen.

Gefürchtete Istanbuler Polizei

Solche Pläne beunruhigen die internationalen Veranstalter - aber nicht so sehr wegen der geplanten Demonstrationen, sondern wegen des schlechten Rufs der Istanbuler Polizei: Deren Beamte hatten in den vergangenen Jahren mehrmals mit ruppigen Einsätzen gegen unbewaffnete Demonstranten von sich reden gemacht. IWF und Weltbank nahmen den türkischen Sicherheitskräften deshalb das Versprechen ab, diesmal nicht gleich zuzuschlagen, wenn ein Globalisierungsgegner auftaucht.

Ein Schuhwerfer wie Özbek ist ohnehin schwer aufzuhalten. Richtig schockieren konnte er die türkische Öffentlichkeit mit seiner Aktion jedoch nicht. "Das wird ja richtig Mode. Welche Schuhgröße hat er denn?", lautete der Kommentar von Rahmi Koc, eines führenden türkischen Industriellen. Andere Kommentatoren befassten sich eingehender mit Özbeks Schuhwerk. Denn der als Protestmittel gegen die von Strauss-Kahn verkörperte westliche Wirtschaftsübermacht eingesetzte Schuh ist selbst ein Symbol der Globalisierung: Der Student warf einen Turnschuh der US-Marke Nike.

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