Türkei : Nationalisten wollen in Hagia Sophia beten

01.09.2010 15:53 UhrVon Thomas Seibert
Die Hagia Sophia in Istanbul. Foto: dpa
Die Hagia Sophia in Istanbul. - Foto: dpa

Muslimisches Gebet in der Hagia Sophia? Das Gotteshaus in Istanbul steht im Mittelpunkt einer neu aufgeflammten Debatte über Reichweite und Grenzen religiöser Toleranz in der Türkei - die Hagia Sophia ist auch für Christen bedeutsam.

Die altehrwürdige Hagia Sophia in Istanbul steht im Mittelpunkt einer neuen Debatte über Reichweite und Grenzen religiöser Toleranz in der Türkei. Rechtsnationalisten fordern von der Regierung in Ankara, sie solle das 1500 Jahre alte Gotteshaus für das muslimische Feiertagsgebet am Ende des Fastenmonats Ramadan in der kommenden Woche öffnen. Der Chef des staatlichen Religionsamtes deutete seine Unterstützung an, doch die Regierung zögert. Denn die Hagia Sophia ist für Muslime und Christen gleichermaßen bedeutsam. Eine Erlaubnis für ein muslimisches Gebet würde daher die Forderung nach einer Genehmigung auch für Christen nach sich ziehen – und das wiederum dürfte türkischen Nationalisten überhaupt nicht gefallen.

Nationalisten aus dem Umfeld der rechtsgerichtenen Splitterpartei BBP hatten zuletzt Ende 2006 mit einem Gebet in der Hagia Sophia aus Protest gegen den damals anstehenden Besuch von Papst Benedikt XVI auf sich aufmerksam gemacht. Rund 40 Männer versammelten sich unter der mächtigen Kuppel des Baus, ließen sich zum Gebet nieder, entrollten anschließend eine türkische Fahne und riefen „Allahu ekber“ – bis die Polizei kam und sie festnahm.

Religiöse Zeremonien aller Art sind seit 1935 in der Hagia Sophia verboten. Damals wandelte Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk das Gebäude in ein Museum um. Zuvor hatte die Hagia Sophia anderthalb Jahrtausende lang als Gotteshaus gedient: zunächst als Krönungskirche des byzantinischen Reiches, und ab dem Jahr 1453 als Reichsmoschee der Osmanen. Heute ist der berühmteste Sakralbau der Türkei für christliche und muslimische Riten tabu.

Nun sollen aber zumindest Muslime einen Tag lang wieder der Hagia Sophia beten dürfen. Erst kürzlich habe doch die Regierung in Ankara den griechisch-orthodoxen Christen erlaubt, in einer alten Kirche, die heute als Museum dient, einen Gottesdienst zu feiern, sagte ein Sprecher der BBP am Mittwoch unserer Zeitung. In Kürze soll es auch eine armenische Messe in Südostanatolien geben. Das seien Zeichen der Toleranz – „und nun wollen wir, dass diese Toleranz auch für uns gilt“. Eine Antwort des Kulturministeriums auf den Antrag der BBP, muslimische Gläubige zum Gebet am Ende des Ramadan am kommenden Mittwoch in die Hagia Sophia einzuladen, steht aber noch aus.

Den Nationalisten in der Türkei liegt soviel an einem muslimischen Gebet an der historischen Stätte, weil sie den Islam als Band betrachten, das die Türkei zusammenhält. Manche haben die Christen im Verdacht, die Einheit des Landes untergraben zu wollen. Deshalb protestierten einige nationalistische Politiker vor zwei Wochen heftig gegen die Genehmigung für die griechisch-orthodoxe Messfeier im alten Kloster Sümela in Nordostanatolien.

Die Regierung und auch das Ankaraner Religionsamt, das in der Türkei eine staatsverträgliche Version des Islam garantieren soll, wiesen die Einwände als völlig übertrieben zurück. „Die Türkei wird doch kein christliches Land, nur weil drei bis fünf Kirchen religiöse Zeremonien feiern dürfen“, sagte der Leiter des Religionsamtes, Ali Bardakoglu. Er sprach sich auch dafür aus, die Paulus-Kirche in Tarsus im Süden des Landes dauerhaft von einem Museum in eine Kirche zu verwandeln.

Das Thema Hagia Sophia sieht Bardakoglu genauso gelassen. Seine Behörde habe hier zwar nichts zu entscheiden, sagte er laut Presseberichten. Das Religionsamt trete aber allgemein für religiöse Freiheit ein. „Wir schauen mal“, fügte er hinzu.

Dass die religiös-konservative Regierung in Ankara das muslimische Gebet in der Hagia Sophia erlauben wird, ist dennoch kaum zu erwarten. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan steht bei den säkulären Türken ohnehin unter Islamismus-Verdacht. Eine Genehmigung für eine islamische Zeremonie in der ehemaligen Hauptmoschee der Osmanen würde diesen Verdacht verstärken.

Auch würde bei einem Ja zu den Muslimen die Frage nach christlichen Feiern in der Hagia Sophia aufkommen, was türkischen Nationalisten nicht behagt. Die BBP wollte sich jedenfalls nicht zu dieser Möglichkeit äußern. Für dieses Thema sei seine Partei nicht zuständig, sagte der BBP-Sprecher ausweichend. Wenn sich die Christen in der früheren Basilika etwa zu Weihnachten für ein Gebet versammeln wollten, „dann sollen sie sich an die Regierung wenden“.

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