Türkei : Neuer Streit durch EU-Anpassung

Wie die EU den Frieden in der Türkei bedroht: Kalte EU-Richtlinien auf ein bisher reibungslos funktionierendes Zusammenleben von Christen und Moslems angewendet, führen zu Spannungen.

Susanne Güsten

MidyatDer Muezzin in der südostanatolischen Marktstadt Midyat ruft die Moslems zum Gebet, während die Kirchenglocke den Christen die Stunde schlägt. Über den Marktplatz schlendern Kurden im Turban, Araber mit Keffiyeh, barhäuptige Christen und bärtige Moslems. Viele Menschen sprechen ganz selbstverständlich vier Sprachen: Kurdisch, Türkisch, Aramäisch und Arabisch. Wie in kaum einem anderen Ort in der Türkei ist hier das Miteinander verschiedener Völker, Regionen und Sprachen lebendig geblieben.

Wie die Menschen auf dem Marktplatz von Midyat, so leben auch die Dörfer in diesem Landkreis friedlich zusammen. Christliche, moslemische und jesidische Dörfer gibt es hier, dazwischen stehen uralte christliche Kloster, das älteste davon ist das 1600 Jahre alte aramäische Kloster Mar Gabriel. Doch nun liefern sich das Kloster und einige moslemische Dörfer einen erbitterten Rechtsstreit, der am kommenden Mittwoch fortgesetzt wird. Es ist ein Streit, den niemand will – und der ausgerechnet durch das türkische EU-Streben ausgelöst wurde.

Über Jahrhunderte kamen das Kloster und seine moslemischen Nachbarn miteinander aus. Probleme lösten die Menschen, indem sie sich zusammensetzten und hin und wieder einen Vermittler einschalteten. Aber im kalten Licht der türkischen EU-Anpassung funktionieren diese Traditionen nicht mehr reibungslos. Im vergangenen Sommer tauchten in Midyat staatliche Landvermesser auf, um Kataster nach europäischem Standard zu erstellen. Der genaue Grenzverlauf zwischen den Ländereien des prächtigen Klosters und den bitterarmen Dörfern in der Umgebung hatte bis dahin niemanden groß gekümmert. Doch dann nahmen die Vermesser die Arbeit auf.

Seitdem ist es mit dem Frieden vorbei, sagt Rudi Sümer, der Rechtsanwalt von Mar Gabriel: Um ein paar Hektar steinigen und unfruchtbaren Bodens, für die sich jahrhundertelang niemand interessiert hatte, tobt seither ein Streit, der ein halbes Dutzend Ämter und Gerichte beschäftigt und den gesellschaftlichen Frieden in Midyat bedroht. Mit dem Vermessungsergebnis war jedenfalls keiner zufrieden, weder die Dörfer noch das Kloster. Das Dorf Yayvantepe, das sich durch die Vermessungsresultate um seinen Grund und Boden gebracht fühlte, versuchte es erst einmal auf traditionelle Weise. „Wenn sich zwei Sippen oder Dörfer streiten, dann ist es bei uns Sitte und Tradition, dass ein Vermittler beide Seiten versöhnt“, sagt Ortsvorsteher Ismail Erkan. „Wir sind zweimal zum Kloster gegangen und haben vorgeschlagen, das unter uns beizulegen. Aber nein, die wollten das nicht.“

Denn das Kloster fühlte sich im Recht. Es zog vor das Katastergericht in Midyat, wo es verlor, und strengte dann am Bezirksgericht einen Prozess gegen die Dörfer an. Die stellten ihrerseits Strafanzeige gegen Mar Gabriel und beschuldigten das Kloster, sich staatlichen Wald einverleibt zu haben – inzwischen wurde deshalb ein Strafprozess gegen die Klostergemeinde eröffnet. Das Klima ist gründlich vergiftet, sagt Anwalt Sümer. Die Gegenseite in den Prozessen stelle alle möglichen Behauptungen auf: „Im Kloster werde Missionsarbeit betrieben, im Kloster werde Separatismus betrieben, solcherlei Verleumdung.“ Inzwischen sorgen sich die Christen, dass die Toleranz und der gesellschaftliche Frieden der Region dahin sein könnten. Susanne Güsten

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