Türkei : "Politik ändert sich nicht wegen eines knuddeligen Präsidenten"

US-Präsident Barack Obama besucht die Türkei. Das wird von der Regierung in Ankara als Auszeichnung verstanden, doch im Land gibt es nicht nur Vorfreude, auch skeptische Töne sind zu hören.

Sie bettelten und zeterten, bis sie bekamen, was sie wollten: Türkische Oppositionspolitiker in Ankara bestanden bei der Vorbereitung des Türkei-Besuchs von US-Präsident Barack Obama darauf, unter vier Augen mit dem weltweiten Idol zu sprechen. Eigentlich wollte Obama die Chefs der drei Oppositionsparteien im Parlament von Ankara nur gemeinsam treffen - doch nach viel Hin und Her stimmten die Amerikaner den Einzelgesprächen zu. Obama-Mania auch in Ankara.

Rund 8000 Polizisten werden in der türkischen Hauptstadt und in Istanbul aufgeboten, um Obama bei seinem Besuch zu schützen, der am Sonntagabend beginnt. In Ankara wird ein ganzes Hotel für den Präsidenten und seinen Tross geleert. In Istanbul, der zweiten Station seiner Türkei-Reise, werden Hagia Sophia und Blaue Moschee geräumt, damit sich der prominente Besucher ungestört die Kulturschätze der Stadt anschauen kann. In beiden Städten werden viele Straßen gesperrt, auch Mobilfunknetze sollen zeitweise lahmgelegt werden, um mögliche Anschläge auf Obama auszuschließen.

Auszeichnung für Ankara

Dass der amerikanische Präsident gleich bei seiner ersten größeren Auslandsreise die Türkei besucht, wird in Ankara als Auszeichnung verstanden. "Das ist für uns sehr wichtig," sagte Parlamentspräsident Köksal Toptan. Nach seinen Gesprächen mit der türkischen Führung und der Opposition wird Obama am Montag eine Rede im türkischen Parlament halten, eine Ehre, die nicht jedem ausländischen Staatsgast zuteil wird.

Nach seiner Weiterreise nach Istanbul will Obama am kommenden Dienstag am Bosporus an einem Treffen der Allianz der Zivilisationen teilnehmen, einer UN-Initiative unter Leitung der Türkei und Spaniens, die sich für mehr Verständigung zwischen dem Westen und der islamischen Welt einsetzt. Das Weiße Haus hat zwar klargemacht, dass der Präsident seine mit Spannung erwartete Grundsatzrede über ein neues Verhältnis zu den muslimischen Ländern nicht in Istanbul halten wird, doch der Symbolwert des Besuches in der Stadt zwischen Europa und Asien ist nicht zu übersehen.

Vorfreude und Skepsis

Und doch - trotz aller Vorfreude auf Obama gibt es auch Skepsis, die sich besonders auf den erwarteten politischen Inhalt der Gespräche bezieht. Obama und diverse türkische Spitzenpolitiker werden sich zwar freundschaftlich die Hand geben und in die Kameras lächeln, doch unter der Oberfläche sind Probleme erkennbar. Das türkisch-amerikanische Verhältnis hat sich immer noch nicht ganz vom Schock des Jahres 2003 erholt, als das Parlament in Ankara - dasselbe, das Obama jetzt besucht - die Einwilligung zur Stationierung von US-Bodentruppen für den Angriff auf Irak verweigerte.

Inzwischen arbeiten beide Staaten zwar insbesondere bei der Bekämpfung der türkisch-kurdischen PKK-Rebellen im Nordirak eng zusammen. Doch das Thema Irak könnte schon bald für neuen Zwist sorgen. Obama dürfte in Ankara den amerikanischen Wunsch ansprechen, türkisches Territorium und insbesondere die Luftwaffenbasis Incirlik im Süden des Landes für den Abzug von Truppen und Waffen aus Irak zu nutzen.

Türkei als "Polizeiwache"

Kritiker wie der Politologe Koray Caliskan von der Istanbuler Bosporus-Universität warnen die türkische Regierung davor, dem amerikanischen Ansinnen zuzustimmen. Die USA wollten die Türkei zu einer Art "Polizeiwache" machen, um auch nach dem Truppenabzug ein Auge auf Irak zu halten, sagt Caliskan. Niemand wisse, wie viele und welche amerikanischer Waffen dauerhaft in Incirlik stationiert bleiben sollten, um im Bedarfsfall schnell im Irak zuschlagen zu können.

Dass Obama persönlich bei den Türken große Sympathien genießt, beeindruckt Caliskan nicht. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage äußerten sich knapp 40 Prozent der Türken positiv über Obama - bei seinem Vorgänger George W. Bush waren es nur neun Prozent. "Die Politik einer Großmacht ändert sich nicht wegen eines knuddeligen Präsidenten", sagt Caliskan dazu. Einige linksgerichtete Gruppen haben Protestdemonstrationen gegen Obama angekündigt.

Nicht nur das Thema Irak macht einigen Türken Sorgen. In wenigen Wochen jährt sich der Beginn der türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg - und Obama hatte im Wahlkampf versprochen, die Hinrichtungen und Todesmärsche als Völkermord anzuerkennen. Auch die als einseitig pro-israelisch empfundene amerikanische Haltung der USA im Nahost-Konflikt trübt aus türkischer Sicht das Bild der Harmonie: Nach Umfragen betrachtet fast jeder zweiter Türkei die USA als größte Bedrohung für sein Land. Susanne Güsten, Istanbul

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