Politik : Türkei: Tödliche Mission gegen Missionare

Deutscher unter Opfern in christlichem Verlag

Thomas Seibert

Istanbul - Als türkische Polizisten am Mittwoch die Türen zu den Räumen des kleinen „Zirve“-Verlages im dritten Stock eines Bürohauses der ostanatolischen Stadt Malatya aufstießen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Mit Händen und Füßen an Stühle gefesselt, saßen dort drei Männer mit durchgeschnittenen Kehlen. Zwei von ihnen waren schon tot, als die durch einen Anruf alarmierten Beamten hereinstürmten, der dritte starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Unter den Opfern war ein Deutscher, der nach Aussagen von Augenzeugen aus dem Bürohaus schon länger in Malatya lebte. Laut „Hamburger Morgenpost“ handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen 43-Jährigen, der seit 2003 in der Türkei lebt und in Malatya als Übersetzer arbeitete. Die Beamten nahmen vier Verdächtige fest, ein weiterer Mann, der kurz vor der Ankunft der Polizisten aus dem Fenster gesprungen war, gilt ebenfalls als mutmaßlicher Mittäter.

Die Szene erinnerte mehr an eine Hinrichtung als an einen Überfall. Der erste Verdacht richte sich gegen islamische Fundamentalisten, berichteten türkische Fernsehsender unter Berufung auf die Sicherheitskräfte. Darauf deutete nicht zuletzt die Art und Weise hin, wie die Gewalttaten begangen wurden – die Fesselung mit anschließendem Kehlschnitt gehörte in den neunziger Jahren zu den brutalen Erkennungszeichen der radikalislamischen türkischen Hisbollah. Aber auch türkische Rechtsnationalisten kommen in Verdacht: Sie hatten schon häufiger gegen den Verlag protestiert.

Denn der „Zirve“ („Gipfel“)-Verlag stand im Verdacht, christliche Missionarsarbeit zu unterstützen. Dort erschienen christliche Werke wie die Bibel, das allein machte ihn bei vielen verdächtig. Verlagschef Hamza Özant berichtete von Drohungen gegen das Unternehmen. „Zirve“ habe Bibeln verteilt, meldeten türkische Fernsehsender am Mittwoch. Christliche Missionarsarbeit ist in der Türkei zwar nicht verboten, wird von vielen Nationalisten und auch Regierungspolitikern jedoch als subversiver Angriff auf die Einheit des türkischen Staates verstanden.

Türkische Menschenrechtler erklärten, hinter dem Angriff stehe derselbe Geist, der sich schon beim Mord an dem katholischen Priester Santoro in Trabzon im vergangenen Jahr und bei den tödlichen Schüssen auf den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink am 19. Januar gezeigt habe: Die eigentliche Verantwortung für die Gewalttaten liege bei jenen Staatsvertretern, die die Mörder verherrlichten, kritisierte der Menschenrechtsverein in Anspielung auf die Polizisten, die sich mit dem mutmaßlichen Dink-Mörder Ogün Samast in Heldenpose fotografieren ließen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Politiker aus den anderen Parteien in Deutschland zeigten sich entsetzt über die Tat in der Türkei und forderten von den türkischen Behörden eine vollständige Aufklärung. Auch der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, reagierte mit Erschütterung. „Das Wort der Bibel anderen anzubieten, darf niemals Grund dafür sein, Menschen an Leib und Leben zu bedrohen“, sagte der Bischof.

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