Türkei : „Unser Horizont ist 360 Grad“

Die Türkei will eine aktivere Rolle in der Außenpolitik spielen. Der deutsche Außenminsiter Guido Westerwelle spricht in Ankara vor der Botschafterkonferenz.

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Für 200 türkische Diplomaten beginnt das neue Jahr mit einer völlig neuen Erfahrung. Staatsmänner wie Palästinenserchef Mahmud Abbas halten diese Woche Grundsatzreden vor einer Versammlung türkischer Botschafter in Ankara. Bundesaußenminister Guido Westerwelle wird an diesem Donnerstag vor der Botschafterkonferenz in der türkischen Hauptstadt sprechen. Das für die Türkei einmalige Diplomatentreffen ist ein Teil der Vision von Westerwelles türkischem Amtskollegen Ahmet Davutoglu: Er will die Türkei systematisch zu einer regionalen Führungsmacht aufbauen. Der Horizont seines Landes „beträgt 360 Grad“, sagt der Minister. Mittelfristig soll auf diese Weise nicht zuletzt bei der EU ein neues, positives Image der Türkei entstehen – und auch die Türken in Deutschland sollen dabei mitmachen.

Davutoglu, ein früherer Politikprofessor und langjähriger enger Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, hat große Pläne für sein Land. „Wir haben auf internationaler Ebene viel zu sagen“, betonte er bei der Diplomatenkonferenz. „Und es gibt eine Reihe von großen Nationen, die uns zuhören werden.“

Als Land zwischen Europa, dem Kaukasus, dem Nahen Osten und der Mittelmeerregion müsse die türkische Außenpolitik ständig auf alles gefasst sein, sagte der Minister. Schließlich berge jede Krise in der Region auch die Chance, türkische Interessen zu vertreten. Dieser Ansatz ist eine radikale Abkehr von der traditionellen türkischen Außenpolitik, die sich über Jahrzehnte eng an den Westen anlehnte und nur selten selbst aktiv wurde.

Das Schlagwort einer „multidimensionalen Außenpolitik“ gehört zu Davutoglus Lieblingsbegriffen. Er sieht viele ungenutzte Potenziale, die von der Türkei ausgeschöpft werden können. Das Land ist das einzige muslimische Nato-Mitglied, gleichzeitig EU-Beitrittskandidat. Ankara hat einen Sitz bei den G 20, der Gruppe der 20 stärksten Volkswirtschaften der Welt, und derzeit auch im UN-Sicherheitsrat.

Seit Davutoglus Amtsantritt im Mai hat die Türkei zudem ihre Beziehungen zu Syrien, dem Irak und dem Iran erheblich verbessert. Der Minister selbst unterzeichnete ein Grundsatzabkommen mit Armenien und kündigte eine neue Initiative zur Lösung des Zypernkonflikts an. Die türkische Regierung hofft darauf, dass sich die EU-Kommission in Brüssel und die Regierungen in den EU-Staaten von der gewachsenen regionalen Rolle der Türkei beeindrucken lassen und ihren Widerstand gegen eine Aufnahme des Landes nach und nach aufgeben werden.

Die Türken in Deutschland und türkischstämmige Bundesbürger können aus der Sicht Ankaras einiges zum Gelingen des EU-Beitritts beitragen. Bundestagsabgeordnete türkischer Herkunft berichten von einem verstärkten Interesse der Türkei an ihrer Arbeit. „Sie sollen dabei helfen, die kühler gewordenen deutsch-türkischen Beziehungen zu verbessern“, sagte der Türkeiexperte Faruk Sen dem Tagesspiegel.

Bei einem Besuch in Berlin im November legte EU-Minister Egemen Bagis der türkischen Gemeinde in der Bundesrepublik dar, wie sehr sich der Blick der Türkei auf ihre Bürger im Ausland verändert habe. Früher habe die Türkei darauf gedrängt, dass die Auslandstürken ihr Geld in der Türkei anlegen und irgendwann heimkehren sollten. Mindestens ebenso wichtig sei aber ein neuer Aspekt, sagte Bagis: Der wirtschaftliche und soziale Aufstieg der Türken in Deutschland helfe der Türkei bei ihrem Europastreben. Wenn der Respekt der Bundesbürger vor den Türken in Deutschland wachse, „dann erleichtert das den EU-Aufnahmeprozess der Türkei beträchtlich“.

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