Türkei : Wie Christenmörder gemacht werden

Wieder ist ein christlicher Geistlicher in der Türkei von einem Rechtsextremisten angegriffen worden. Der Anschlag in Izmir ging glimpflich aus, doch er ist kein Einzelfall. Ein Brief des türkischen Mörders von Hrant Dink beschreibt die Christen-Hetze.

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Ogün Samast wird abgeführt (2007).
Ogün Samast wird abgeführt (2007).Foto: dpa

Als der protestantische amerikanische Geistliche Andrew Brunson am vergangenen Freitag vor seine Kirche im westtürkischen Izmir trat, sah er vor sich einen Mann auf der Straße, der laut Parolen schrie, auf ihn zielte und schoss. "Wir jagen euch in die Luft, lasst das Missionieren sein", schrie der Angreifer. Die Schüsse kamen aus einer Schreckschusspistole, doch dann zog der Schütze eine echte Waffe aus einer Tasche. Wenige Sekunden später wurde er überwältigt. Türkische Zivilipolizisten, die zum Schutz der Kirche in der Nähe postiert waren, hatten aufgepasst.

Der Anschlag in Izmir ging glimpflich aus, doch er ist kein Einzelfall: Besonders im Wahlkampf - die Türkei wählt am 12. Juni ein neues Parlament - häufen sich die Gewalttaten gegen die christliche Minderheit. Dies sei "typisch", weil von manchen Kandidaten gerne die angebliche Gefahr durch christliche Missionare beschworen werde, erklärte die Vereinigung Protestantischer Kirchen. Hass auf Missionare war auch das Motiv der Christenmörder von Malatya, die vor fast genau vier Jahren in der ostanatolischen Stadt einen deutschen und zwei türkische Protestanten zuerst folterten und ihren Opfern dann die Kehlen durchschnitten.

Hinter den Morden von Malatya vermuten die Anwälte der Opferfamilien seit langem Mitglieder des türkischen Sicherheitsapparates. Auch Verbindungen zur rechtsgerichteten Putschistentruppe Ergenekon werden untersucht. Willige Täter für die Gewalttaten fanden die Drahtzieher rasch. Missionare stehen bei türkischen Rechtsextremisten im Verdacht, im Auftrag fremder Mächte mit der Verbreitung des christlichen Glaubens die Einheit der Türkei zu untergraben.

Auch der junge Rechtsextremist Ogün Samast, der 2007 den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink erschoss, hielt sein Opfer für einen Staatsfeind. Und auch Samast wurde zumindest mit Wissen, wenn nicht auf Betreiben der Sicherheitskräfte für die Tat angeheuert. Ein Brief von Samast, der vor einem Istanbuler Jugendgericht steht, gewährt nun einen Einblick in die Gründe, warum sich junge Türken wie er so leicht zur Gewalt verführen lassen.

Samast verlas den mehrseitigen Brief diese Woche vor Gericht. Das Schreiben ist einerseits ein Versuch, die eigene Haut zu retten. Doch der Brief ist mehr als nur eine Selbstrechtfertigung. Er zeigt erschreckende Missstände in der türkischen Gesellschaft auf.

"Ich wusste überhaupt nichts, weder was ein Armenier ist noch was die Geschichte sagt", schrieb Samast. Er habe weder Hrant Dink noch dessen Zeitung "Agos" gekannt, vor deren Redaktionsgebäude die tödlichen Schüsse fielen. "Ich hatte gerade mal die Mittelschule abgeschlossen." Erst als ihm sein heute als Anstifter angeklagter Freund Yasin Hayal anti-armenische Schlagzeilen und Kommentare aus türkischen Zeitungen im Internet gezeigt habe, "versank ich im Strudel des Hasses". Es sei klar gewesen, dass "ein ungebildeter und in seinem Patriotismus leicht auszunutzender Jugendlicher etwas Schlimmes tun würde". Legte man heute zehn Jugendlichen dieselben Schlagzeilen vor, "dann würden sie dasselbe tun".

Dink war von rechtsgerichteten Medien unter anderem angefeindet worden, weil er über die mutmaßliche armenische Herkunft einer Adoptivtochter des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk geschrieben hatte. Auch im Fernsehen sei gegen Dink und die angebliche Bedrohung der Nation durch die Christen gehetzt worden, hieß es in dem Brief des Todesschützen Samast: "Findet sich denn kein Sohn der Nation, der die endlich abknallt?" habe es in TV-Shows geheißen.

Nicht nur der Mörder selbst sieht einen unheilvollen Einfluss radikal-nationalistischer Strömungen auf junge Türken. Schon wenige Tage nach der Ermordung ihres Mannes im Januar 2007 hatte Dinks Witwe Rakel dazu aufgerufen, "jene Dunkelheit zu hinterfragen, die aus Babys Mörder macht".

Seitdem hat sich einiges zum Guten gewendet, sagen einige Beobachter. Die "Hexenjagd" von Angehörigen des Sicherheitsapparats auf Christen und Missionare sei vorüber, schrieb Orhan Kemal Cengiz, ein Anwalt der Malatya-Opfer, kürzlich in seiner Kolumne für die Zeitung "Today's Zaman". Viele der schlimmsten Rechtsextremisten sitzen hinter Gittern.

Dennoch wird Christen-Feindschaft vielerorts nach wie vor mit dem Segen der Behörden weiter transportiert. Bei einer Feier zum Jahrestag der Befreiung der nordostanatolischen Stadt Bayburt von russischer Besatzung 1916 wurde kürzlich der Kampf der Türken in einer Theateraufführung von Kindern nachgespielt. Höhepunkt des Schauspiels war die nachgestellte Kreuzigung von Armeniern.

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