Politik : Türkei will PKK „Todesstoß“ versetzen

Ankara schickt 10 000 Soldaten in den Nordirak – Rückzug „so schnell wie möglich“

Susanne Güsten[Istanbul]

Seit Monaten hatte Ankara damit gedroht, seit Wochen hatte die Armee ihre Soldaten an der Grenze zusammengezogen – am Donnerstagabend kam schließlich der Einsatzbefehl: Rund 10 000 Soldaten, mehrere Dutzend Panzer, fast 50 Kampfhubschrauber, dazu Kampfjets und Artillerie sind zur größten türkischen Militärintervention im Irak seit zehn Jahren angetreten. Etwa zehn Kilometer tief drangen die Truppen am Freitag auf irakisches Territorium vor. Die konkreten Ziele der Aktion blieben zunächst unklar, doch hatten türkische Zeitungen in den Tagen vor Beginn der Offensive über einen bevorstehenden „Todesstoß“ gegen die Kurdenrebellen von der PKK spekuliert.

Bevor die türkische Armee ihre Soldaten und Panzer losschickte, hatten Kampfflugzeuge und Artillerie mutmaßliche PKK-Stellungen im Norden Iraks unter Beschuss genommen. Seit Anfang Dezember geht die Türkei immer wieder mit militärischen Mitteln gegen Lager der PKK auf irakischem Boden vor, doch das Ausmaß der jetzt angelaufenen Operation stellt die bisherigen Angriffe in den Schatten.

Nach Fernsehberichten stellten Elitetruppen etwa ein Drittel der an der Offensive beteiligten Soldaten. Das könnte darauf hindeuten, dass der Angriff dazu dienen sollte, führende PKK-Funktionäre wie den Hardliner und Kommandanten Murat Karayilan festzunehmen. Nach irakischen Angaben zerstörten die Türken fünf Brücken über einen irakischen Fluss in der Nähe der Grenze zur Türkei: Offenbar will Ankara kurz vor Beginn des Frühlings das Einsickern von Terrorteams der PKK vom Irak in die Türkei erschweren.

In den neunziger Jahren war die Türkei mehrmals nach Nordirak einmarschiert, um gegen die dort verschanzten 5000 Kämpfer der PKK vorzugehen. Allerdings unterscheidet sich die derzeitige Lage in einem entscheidenden Punkt von der Situation im vergangenen Jahrzehnt: Seit einigen Monaten unterstützen die USA die türkischen Angriffe auf die PKK mit Geheimdienstinformationen. In der Nacht zum Freitag rief der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan US-Präsident George Bush an, um ihn über den Beginn des Angriffs zu informieren. Offenbar ist Washington bereit, die Offensive zu tolerieren. Die türkische Aktion sei „zeitlich begrenzt“, erklärte die US-Armee.

Die Schlüsselrolle spielt die irakische Besatzungsmacht Amerika. Erst vor kurzem hatte der stellvertretende US-Generalstabschef James Cartwright die Türkei besucht; zudem waren hohe türkische Generäle nach Washington gereist. Die diplomatischen und militärischen Vorbereitungen der Offensive hätten mehrere Wochen gedauert, sagte der Kolumnist Murat Yetkin, einer der besten Kenner der türkischen Armee. Die PKK sei zu einem Moment überrascht worden, an dem sie am wenigsten mit dem Beginn einer türkischen Bodenoffensive gerechnet habe: mitten im Winter und mitten in der Nacht.

Um die außenpolitischen Folgeschäden so gering wie möglich zu halten, rief der türkische Staatspräsident Abdullah Gül seinen irakischen Amtskollegen Dschalal Talabani an und lud ihn nach Ankara ein. Der Generalstab in Ankara erklärte, die türkischen Soldaten würden das irakische Territorium „so schnell wie möglich“ wieder verlassen. Erdogan betonte, die Türkei wolle lediglich ihre Bürger und Grenzen vor der PKK schützen.

Dennoch schickten die irakischen Kurden, die das Grenzgebiet zur Türkei beherrschen, ihre eigene Miliz, die Peschmergas, in das von den Türken angegriffene Gebiet. Die Peschmergas sollten nicht gegen die Türken kämpfen, sondern hätten lediglich den Befehl, die Zivilbevölkerung zu schützen, teilten die Behörden im Nordirak mit. Die Möglichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Türken und nordirakischen Kurden ist ein Albtraum für die USA, denn solche Kämpfe könnten die gesamte Region in einen neuen Konflikt stürzen.

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