• Türkei will Regionalmacht im Kaukasus-Gebiet sein - auch wenn Russland das nicht gerne sieht

Politik : Türkei will Regionalmacht im Kaukasus-Gebiet sein - auch wenn Russland das nicht gerne sieht

Thomas Seibert

Süleyman Demirel hat ein gutes Gespür für den Zeitpunkt von Auslandsreisen. Als der türkische Staatspräsident am vergangenen Wochenende das benachbarte Georgien besuchte, traf er auf Gastgeber, die Ankara gerade in dieser Zeit als wichtigen Freund betrachten: Der russische Krieg in Tschetschenien hat ehemalige Sowjetrepubliken wie Georgien und Aserbaidschan nervös gemacht. Sie sehen mit Sorge, dass Moskau bereit ist, seine Interessen in der Region auch mit Waffengewalt durchzusetzen, und befürchten ein Übergreifen der Kämpfe auf ihr eigenes Staatsgebiet. Was besser also, als in dieser Situation einen "Stabilitätspakt für den Kaukasus" vorzuschlagen, wie es Demirel in Tiflis tat? Die Initiative verdeutlicht den Anspruch der Türkei, am Spiel um Macht und Einfluss in der Region teilzunehmen: Ankara streckt die Fühler aus.

Nach seinen Gesprächen mit dem georgischen Präsidenten und früheren sowjetischen Außenminister Schewardnadse in Tiflis schlug Demirel den Pakt vor, der die Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan einschließen und sich um die wirtschaftliche Erstarkung der Region kümmern soll. Länder wie die Türkei, die USA sowie Organisationen wie der Internationale Währungsfonds sollten mitarbeiten - und auch Russland müsse selbstverständlich eine Rolle spielen. Doch mitten im Tschetschenien-Krieg dürfte Moskau wenig Neigung verspüren, einer neuen internationalen Körperschaft im Krisengebiet die Tür zu öffnen.

Der Krieg im Kaukasus ist für die Türkei wie für andere Länder zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer eine Katastrophe in der Nachbarschaft. Die türkische Nordost-Grenze ist nur rund 300 Kilometer von der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entfernt; Georgien ist sogar direkter Anrainer der Krisenregion. Ankara befürchtet, dass sich der Konflikt auf andere Staaten ausweiten und so den ganzen Großraum destabilisieren könnte. Doch es sind nicht nur diese Befürchtungen, die die türkische Kaukasus-Politik bestimmen. Von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku aus soll in den kommenden Jahren eine Öl-Pipeline durch Georgien und die Ost-Türkei bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan führen, um so das neu entdeckte kaspische Öl auf die Weltmärkte zu bringen. Die Türkei hat lange für die Durchsetzung dieser Pipeline gekämpft, die ihr Prestige, Einfluss und Einnahmen bringen wird - zu Lasten Russlands, das selbst gerne Durchgangsland für den kostbaren Rohstoff geworden wäre. Die Tatsache, dass Ankara bei diesen Plänen von den USA tatkräftig unterstützt wurde, war nicht dazu angetan, das russische Misstrauen zu schmälern; Russland und die Türkei sind ohnehin traditionelle Rivalen im Kaukasus. Demirel gab sich deshalb in Tiflis Mühe, die guten Absichten Ankaras zu unterstreichen.

Es ist nicht das erste Mal seit dem Ende des Kalten Krieges, dass sich die Türkei darum bemüht, ihren Einfluss in den ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus und in Zentralasien auszubauen. Anfang der neunziger Jahre versuchte Ankara, insbesondere die von Turkvölkern bewohnten Staaten an sich zu binden und damit den russischen Einfluss zu schmälern. Damals finanzierte die Türkei unter anderem türkischsprachiges Fernsehen sowie Bildungsprojekte in der Region; doch am Ende war die Türkei nicht reich genug, um diese Initiative durchzuhalten.

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