Politik : Türkische Behörden unter Vertuschungsverdacht

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Istanbul - Eine Straßenecke im westtürkischen Eskisehir in der Nacht des 2. Juni. Vier Männer, darunter Polizisten, schlagen und treten einen Studenten, der zu Boden fällt. Als er sich einige Minuten später aufsetzt, kehren die Männer zurück, wieder hagelt es Tritte gegen Kopf und Körper. Der Student, Ali Ismail Korkmaz, stirbt einige Wochen später im Krankenhaus. Die Szene wird von der Überwachungskamera einer Bäckerei aufgezeichnet, die Aufnahmen bilden ein Hauptbeweismittel beim anstehenden Prozess gegen die Polizisten. Doch irgendjemand im Staatsapparat hat seit jener Nacht mehrmals versucht, die Bilder zu löschen.

Anhänger der Protestbewegung hegen den Verdacht, dass Polizisten im Umgang mit den regierungsfeindlichen Demonstrationen im Land einen Freibrief für Gewalt und Willkür haben. Obwohl selbst Inspektoren des Innenministeriums zu dem Schluss kamen, dass die Polizei bei den Unruhen um den Istanbuler Gezi-Park im Juni vielfach mit unverhältnismäßiger Härte vorging, müssen sich bisher nur wenige Beamte ernste Sorgen machen. Bei der Inhaftierung und Anklage von Demonstranten sind die Behörden dagegen weitaus energischer: Mehrere Dutzend Regierungsgegner müssen sich vor Gericht verantworten, einige von ihnen unter Terrorvorwürfen.

In Eskisehir gelang es Experten der Militärpolizei, die Aufnahmen der tödlichen Prügel gegen den Studenten Korkmaz wieder herzustellen. Insgesamt sei vier Mal sei versucht worden, die Bilder von der Festplatte der Überwachungskamera zu tilgen, erklärten die Experten. Zwei Versuche fanden demnach statt, als die Festplatte bei einem vermeintlich neutralen Gutachter war. Ein Teil der Aufnahmen fehle nach wie vor, sagte der Bruder des Opfers, der Anwalt Gürkan Korkmaz, am Freitag.

„Natürlich wird die Polizei beschützt“, sagte Korkmaz. Zwar sind in Eskisehir vier Polizisten unter den acht Angeklagten, die dank der Aufnahmen ermittelt wurden. „Doch drei Polizisten sind nur wegen Beihilfe angeklagt“, sagte Korkmaz. Er sieht die Verantwortung für den milden Umgang mit Polizisten bei der Regierung. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat das Vorgehen der Polizei bei den Gezi-Unruhen als „Heldenepos“ gelobt. „Die Polizei ist die Armee der Regierung“, sagte Korkmaz dazu. „Es gibt keinerlei Kontrolle.“Thomas Seibert

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