• Türkische Polizei posiert mit Dinks Mörder Mutmaßlicher Täter auf Fotos als Held dargestellt

Politik : Türkische Polizei posiert mit Dinks Mörder Mutmaßlicher Täter auf Fotos als Held dargestellt

Susanne Güsten[Istanbul]

Die türkische Polizei ist nicht bekannt dafür, bei Festnahmen sehr pfleglich mit Verdächtigen umzugehen. Offenbar ist es aber etwas anderes, wenn es um den Tod eines „Staatsfeindes“ wie Hrant Dink geht. Nach Festnahme des mutmaßlichen Dink-Mörders Ogün Samast posierten Polizisten und Soldaten lächelnd mit dem Tatverdächtigen und drückten ihm für ein Erinnerungsfoto sogar eine türkische Fahne in die Hand. Der Skandal kam durch jetzt veröffentlichte Videoaufnahmen ans Tageslicht. Die Heldenpose mit der Fahne stärkt den Verdacht, dass die Sicherheitskräfte militante Nationalisten unterstützen. Die Behörden sehen die Schuld ausschließlich bei den Medien: Die Veröffentlichung der Skandalbilder sei ein Angriff auf die Armee.

Er habe seinen Augen nicht trauen können, berichtete der Chefredakteur der liberalen Zeitung „Radikal“, Ismet Berkan, am Freitag: „Als wäre Hrant noch einmal ermordet worden“, schrieb Berkan. „Ich fühle mich in diesem Land sehr, sehr allein.“ Die Aufnahmen, die dem Privatsender TGRT zugespielt wurden, entstanden kurz nach der Festnahme von Samast in der Schwarzmeerstadt Samsun in der Nacht zum 21. Januar. In der Teeküche der Antiterrorpolizei von Samsun wurde Samast vor ein Kalenderbild gestellt, auf dem ein Wahlspruch des Staatsgründers Atatürk prangte: „Die Erde des Vaterlandes ist heilig, sie darf nicht ihrem Schicksal überlassen werden.“

Wie das Video zeigt, platzierte der Fotograf den Mordverdächtigen Samast sorgfältig so, dass sein Gesicht neben dem patriotischen Slogan erschien – nach der Ermordung des als „Landesverräters“ angefeindeten Dink sollte Samast als Held dargestellt werden. Das Video zeigt auch, wie sich Polizisten und Soldaten der Gendarmerie zu Samast stellen, um sich mit ihm fotografieren zu lassen; jemand reicht dem mutmaßlichen Dink-Mörder eine türkische Fahne, die er vor seiner Brust entfaltet. Fotos von Samast vor dem Atatürk-Spruch waren schon vergangene Woche aufgetaucht; bisher war aber nicht bekannt, wer die Bilder angefertigt hatte.Der rund 30 Sekunden lange Film schlug in der türkischen Öffentlichkeit ein wie eine Bombe. „Erdbeben per Kamera“, titelte die Zeitung „Hürriyet“. Unmittelbar nach der Ausstrahlung der Aufnahmen in den Abendnachrichten von TGRT am Donnerstag traten in Ankara hohe Offiziere der Armee zu einer Krisensitzung zusammen; die zur Armee gehörende Gendarmerie erfüllt in der Türkei außerhalb der Großstädte Polizeiaufgaben und war deshalb an der Fahndung nach Dinks Mördern beteiligt.

Den Schuldigen hatten die Militärs schnell gefunden: Weil TGRT fälschlicherweise berichtete, die Aufnahmen seien bei der zur Armee gehörenden Gendarmerie in Samsun entstanden, warfen die Generäle dem Sender vor, „tendenziös“ Unwahrheiten zu verbreiten. Zu der Tatsache, dass türkische Soldaten Erinnerungsfotos mit einem mutmaßlichen Mörder machten, sagte die Armee nichts.

Schon in den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass ein Polizeispitzel die Behörden mehrmals über die Pläne zur Ermordung Dinks informiert hatte. Doch es geschah nichts. Allen Berichten über ein Fehlverhalten der Behörden werde nachgegangen, sagt die Regierung, die mehrere Sonderermittler eingesetzt hat. Bei der Polizei ist von Selbstkritik keine Rede. Polizeisprecher Ismail Caliskan tat die Skandalbilder von Samsun mit den Worten ab, das Verhalten der Kollegen sei „nicht professionell“ gewesen.

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