Politik : Türkischer Coup: PKK-Chef Öcalan in Haft - Gewaltsame Kurdenproteste in ganz Europa

ISTANBUL/BONN (Tsp).Mit einer spektakulären Geheimaktion ist die viermonatige Flucht des kurdischen Separatistenführers Öcalan beendet worden: Der PKK-Chef, der zwölf Tage in der griechischen Botschaft in Kenia Zuflucht fand, sitzt in türkischer Haft.Über die Inhaftierung des türkischen Staatsfeindes Nummer Eins gab es widersprüchliche Angaben.Öcalan soll nun für den blutigen Kampf für einen Kurdenstaat vor Gericht gestellt werden.Deutsche Politiker forderten einen fairen Prozeß.In ganz Europa löste die Nachricht von der Verhaftung teils gewalttätige Proteste von Kurden aus.

Die Proteste richteten sich vor allem gegen die diplomatischen Vertretungen Griechenlands.Zahlreiche PKK-Anhänger wurden in Gewahrsam genommen.In Deutschland, wo rund eine halbe Million Kurden lebt, waren vor allem Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, München, Köln, Frankfurt und Hamburg betroffen.Zum Teil wurden die Gebäude verwüstet.In Leipzig stürmte die Polizei das besetzte griechische Konsulat am Abend und befreite drei Geiseln unverletzt.Bundesinnenminister Schily rechnete mit weiteren gewalttätigen Protesten in Deutschland.Er ordnete verschärfte Kontrollen auf den Flughäfen bei griechischen, kenianischen, türkischen und US-amerikanischen Fluggesellschaften an.

Die türkische Regierung steht mit der Inhaftierung von PKK-Chef Abdullah Öcalan vor einem Einschnitt im jahrzehntealten Kurdenkonflikt.Ministerpräsident Ecevit gab in Ankara bekannt, Öcalan sei am Vortag in der kenianischen Hauptstadt Nairobi festgenommen und noch in der Nacht in die Türkei gebracht worden.Über den Aufenthaltsort Öcalans schwiegen sich die Behörden bis zum Abend aus.Öcalan soll vor einem Staatssicherheitsgericht der Prozeß gemacht werden.Die türkische Regierung wirft ihm vor, für die rund 30 000 Toten im Kurdenkonflikt verantwortlich zu sein.Bei einer Verurteilung droht Öcalan die Todesstrafe.Regierungssprecher Gürel kündigte an, im Prozeß werde die Türkei ein "rechtsstaatliches Beispiel" setzen.

Die Regierung in Kenia lehnte jede Verantwortung für die Aktion ab.Nairobi habe Griechenland zwar angewiesen, Öcalan außer Landes zu bringen, sagte Außenminister Godana.Der griechische Botschafter habe dem zugestimmt.Als der PKK-Führer am Montag um 17.30 MEZ Nairobi verlassen habe, sei nur Griechenland über das Reiseziel informiert gewesen.Einer Abschiebung in die Türkei, wo ihm die Todesstrafe drohe, hätte die Regierung niemals zugestimmt.Nach griechischen Angaben hatte man aus humanitären Gründen der Aufnahme in Nairobi zugestimmt.Nach Informationen aus Geheimdienstkreisen soll der israelische Mossad entscheidend geholfen haben.Israel dementierte dies.

Der PKK-Chef war monatelang auf der Flucht.Mitte Oktober mußte er auf türkischen Druck hin aus Syrien fliehen und setzte sich zunächst nach Rußland und später nach Italien ab.Mitte Januar mußte er auch Rom verlassen und suchte seitdem eine neue Bleibe.Mehrmals versuchte er erfolglos, in Westeuropa Asyl zu erhalten.Die zwölf Tage vor seiner Festnahme verbrachte Öcalan in der griechischen Botschaft in Nairobi.Am Montag machte sich Öcalan in Begleitung seiner Anwälte mit kenianischem Geleitschutz auf den Weg zum Flughafen; offenbar wollte er erneut versuchen, in die Niederlande zu gelangen.Doch Öcalans Wagen sei unterwegs plötzlich aus der Autokolonne verschwunden, teilte der griechische Außenminister Pangalos mit.Möglicherweise griff dort das türkische Kommando zu.

Öcalans-Anwalt Schultz aus Bremen sagte, der PKK-Chef habe von Kenia aus mit Griechenland und den Niederlanden über eine Aufnahme verhandeln wollen.Vorher sei er in Rußland gewesen.Kenianische Behörden hätten ihm am Montag mitgeteilt, er werde in die Niederlande ausgeflogen.Auf dem Weg zum Flugzeug sei er dann "in einer Nacht- und Nebelaktion" in die Türkei verschleppt worden.Nach Ansicht des Anwalts könnte dahinter der türkische Geheimdienst stecken, der mit israelischen und US-Kollegen kooperiert habe.Die deutschen Öcalan-Anwälte Schultz, Britta Böhler und Paech sprachen von einem "völkerrechtswidrigen Piratenakt".

Die USA begrüßten die Festnahme des PKK-Chefs.In der Türkei wurde die Festnahme als großer Erfolg gefeiert.Staatspräsident Demirel beglückwünschte die Regierung und rief die Nation zur Einheit auf.Die PKK kündigte an, ihr Kampf gegen die Türken gehe weiter.Aus Furcht vor Anschlägen wurden vor zahlreichen Einrichtungen die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

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