Türkischer Premier : "Ihr müsst euch nirgendwo alleine fühlen"

Premier Erdogan wirbt um die Auslandstürken – doch Merkel ist gegen seinen Wunsch nach Gymnasien.

von
Warme Worte. Recep Tayyip Erdogan verlangt Verbundenheit mit dem Heimatland. Aber er fordert seine Landsleute im Ausland auch dazu auf, sich zu integrieren. Foto: Reuters
Warme Worte. Recep Tayyip Erdogan verlangt Verbundenheit mit dem Heimatland. Aber er fordert seine Landsleute im Ausland auch dazu...Foto: REUTERS

IstanbulDie Forderung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan nach türkischen Gymnasien in Deutschland sorgt für Wirbel. Wenige Tage vor ihrem Besuch in der Türkei lehnte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Vorstoß Erdogans ab. „Das führt aus meiner Sicht nicht weiter“, sagte sie der „Passauer Neuen Presse“. Grundsätzlich sollten türkischstämmige Kinder und Jugendliche in Deutschland auch in deutsche Schulen gehen. Auch türkischstämmige Politiker kritisierten den Vorschlag. Hinter dem Wunsch des Ministerpräsidenten steht die Ansicht des türkischen Staates, dass auch Türken im Ausland weiter zum Heimatland gehören und Botschafter ihres Landes sind – ganz gleich, welchen Pass sie haben. Erst vor wenigen Tagen rief das türkische Parlament eine neue Behörde für die Belange der rund fünf Millionen Auslandstürken ins Leben.

Als Erdogan vor gut zwei Jahren seinen denkwürdigen Auftritt in der Köln-Arena vorbereitete, bei dem er mit seinem Satz „Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ für Schlagzeilen sorgen sollte, ließ er in Köln große Plakate mit seinem Konterfei aufhängen. „Das Herz der Türken in Europa wird in Köln schlagen“, hieß es auf den Postern. Bei einem Treffen mit rund 1700 Auslandstürken aus Deutschland und anderen Staaten Ende Februar in Istanbul machte Erdogan deutlich, dass Ankara die Diaspora als Teil der Türkei betrachtet. „Ihr müsst euch nirgendwo alleine fühlen“, sagte er.

Diese Sicht der Dinge ist keine Besonderheit der Erdogan-Regierung. Für alle türkischen Parteien sind die 1,7 Millionen türkischen Staatsbürger in Deutschland potenzielle Wähler, die umgarnt werden. Erdogans Regierungspartei AKP tut dies besonders intensiv, ist aber keineswegs die erste oder die einzige.

Auch beim Blick auf die Rolle der türkischen Auswanderer, die inzwischen einen anderen Pass haben, steht Erdogan in einer langen Tradition. Ankara betrachtet etwa die rund 1,3 Millionen türkischstämmigen Bürger in Deutschland im Grunde weiter als Türken, die ihrem alten Heimatland Loyalität schulden. So weit wie sein Vorgänger Mesut Yilmaz geht Erdogan dabei allerdings nicht. Yilmaz hatte 1998 als Premier die türkischstämmigen Wähler vor der deutschen Bundestagswahl offen aufgerufen, nicht für die CDU zu stimmen.

Bei dem Treffen im Februar sagte Erdogan, ein Türke müsse sich keine Sorgen machen, wenn er in einem europäischen Land eine zusätzliche Staatsbürgerschaft annehme: „Eine doppelte Staatsbürgerschaft zu haben, entfernt dich nicht von deiner eigentlichen Identität.“ Nun fordert er auch von Deutschland, die doppelte Staatsbürgerschaft zuzulassen.

Gleichzeitig fordern Erdogan und andere Regierungspolitiker die türkische Diaspora aber auch immer wieder auf, sich möglichst gut in die neuen Heimatländer zu integrieren. In Istanbul betonte Erdogan, die Auslandstürken sollten an ihren Wohnorten „als ehrbare Bürger leben“. Ankara hofft auf eine Verbesserung des türkischen Images in Europa, wenn sich die türkischstämmige Bevölkerung dort einen Namen als Musterbürger macht. „Indem ihr in euren Ländern gute Bürger seid, seid ihr auch wie Botschafter der türkischen Kultur und der türkischen Republik“, schärfte Erdogan seinen Zuhörern in Istanbul ein.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar