Politik : Türkischer Unternehmer: Einwanderer Nr. 31

Bernd Matthies

Ein richtiger Hamburger Pfeffersack kann er nicht mehr werden. Dafür leuchtet der helle Maßanzug mit Weste viel zu extravagant, dafür ist das Büro zu wenig imposant, zu weit entfernt vom Himmel. Schlimmer noch: Das Firmengebäude am Flughafen lässt weder auf die Binnenalster noch auf die Elbe blicken, und auf dem schweren Schreibtisch aus dunklem Holz liegt zu viel echte Arbeit. Man darf vermuten, dass Vural Öger, der perfektionistische Inhaber des zehntgrößten deutschen Reiseunternehmens, damit genau den Eindruck vermitteln will, den er vermittelt: Hier sitzt ein mittelständischer Unternehmer mit Erfolg und Bodenhaftung.

Vor allem: ein bekannter Unternehmer. Er ging durch die Schlagzeilen, als 1996 ein von seiner Firma gechartertes Flugzeug der Birgen Air abstürzte. Er ging durch die Schlagzeilen, als er den Sitz im Vorstand der türkischen Gemeinde in Deutschland niederlegte, weil der Vorsitzende dieser Gemeinde die Erdbebenhilfe der Bundesregierung "unwürdig" genannt hatte - Öger selbst ist Vorsitzender des Kuratoriums, das die Erdbebenhilfe organisiert. Er wurde interviewt, als die Verhaftung Öcalans sein Reisegeschäft bedrohte, er organisierte zahlreiche Seminare und gründete, als die deutsch-türkischen Dissonanzen am schrillsten tönten, zusammen mit seinem Freund Theo Sommer die "Deutsch-Türkische Stiftung". Auf allerlei informellen Kanälen hat er einen gewissen Einfluss auf die türkische Politik, und seit einigen Tagen wird er auch ganz offiziell von deutschen Politikern gehört: Innenminister Schily hat ihn in die Süssmuth-Kommission berufen, die die Grundzüge eines neuen Einwanderungsrechts erarbeiten soll. Als 21. Mitglied, als einziger gebürtiger Türke.

Ein Handschlag vom Konsul

Gebürtig - das ist an dieser Stelle wichtig, denn Vural Öger, heute 58, hat seit langem den deutschen Pass. Er geht sogar noch weiter: "Zwei Städte haben mich in meinem Leben besonders geprägt", sagt er, "Istanbul und Berlin." Ein Bonbon für den Berliner Reporter? Ach, und dann kommt eine Lebensgeschichte, die erzählt werden muss, und die auf verschlungenen Pfaden auch recht schnell zu Otto Schily führt ... Sie beginnt 1961, als Öger von seinem Vater, einem hohen Offizier, zum Ingenieurstudium ins Ausland geschickt wurde - heraus aus einem behüteten kosmopolitischen Milieu, streng laizistisch geprägt ohne tiefe religiöse Wurzeln. Vor einigen Jahrhunderten hätte der hoch gewachsene Osmane, den man sich auch als General vorstellen kann, womöglich selbst ein türkisches Reiterbataillon gegen Wien geführt - so reiste er ganz friedlich nach Berlin, in jene Stadt, die seinem Vater, einem großen Freund Deutschlands, solider vorkam als das lockere Paris.

Viele Türken lebten damals nicht in der Stadt. Wer auf Dauer kam, wurde in der Adalbertstraße vom türkischen Generalkonsul mit Handschlag begrüßt, Vural Öger war Einwanderer Nummer 31. Es ging flott voran für ihn: Von zu Hause kamen 400 Mark im Monat, doch das war nur ein Klacks im Vergleich zu dem Geld, das der äußerst ansehnliche junge Mann nebenher als Dressman verdiente - heute würde man von einer Model-Karriere sprechen. Provisionen des Berliner Reiseunternehmens Artu, für das er Flugtickets verkaufte, brachten ihm weiteren wirtschaftlichen Aufschwung, und bald konnte er den profanen VW-Käfer durch einen eleganten Karmann-Ghia ablösen und sich eine nette kleine Wohnung in Grunewald leisten.

Die Anfänge der Studentenbewegung waren an der Technischen Universität zunächst vorübergegangen. Das änderte sich schlagartig, als 1968 der Schah nach Berlin kam und mit ihm die "Jubelperser", die die protestierenden Studenten mit Fäusten und Latten attackierten. Öger war empört, sah näher hin, warf sich dazwischen, als Polizisten einen Demonstranten, wie er meinte, zu Tode prügelten - und landete umgehend selbst im Krankenhaus. Das Fachwort hat er nie vergessen: "Commotio cerebri", schwere Gehirnerschütterung. So schwer, dass er fast zwei Wochen ohne Bewusstsein auf der Intensivstation lag, insgesamt sieben Wochen im Krankenhaus. So ging es nun nicht. Öger wandte sich an einen gewissen Horst Mahler, den Staranwalt der linken Szene. "Der hatte aber zu viel zu tun", erinnert er sich, "und gab mir den Namen von einem jungen Kollegen." Otto Schily nahm das Mandat an und setzte die Bestrafung des verantwortlichen Polizisten durch.

Hamburg - das war nichts als ein Zufall, denn eigentlich wollte Öger zurück in seine Heimat, um dort den Wehrdienst abzuleisten und dann als Ingenieur zu arbeiten. Doch bei einem Verwandtenbesuch an der Alster geriet sein Auto in Brand, er blieb gezwungenermaßen länger und fand heraus, dass der nächste Direktflug in die Türkei von Düsseldorf ging. Ein untragbarer Zustand! Öger nutzte seine Kontakte zum Reisegewerbe, charterte auf eigene Rechnung ein Flugzeug von Hamburg nach Istanbul, war die Tickets in die Türkei innerhalb einer Woche los, und das ruhige Leben auch. Denn seine Landsleute wollten zwar fliegen, allein schon, um sich die langwierige Bahn- oder Busfahrt in die Heimat zu ersparen, trauten sich aber kaum ohne Begleitung in die Luft. "Ich musste am Anfang bei jedem Flug dabei sein", erinnert er sich an die Aufbauphase. Der Anfang von Öger-Tours - und das Ende seiner Berliner Zeit, denn die Stadt der von den Alliierten kontrollierten Luftkorridore war um 1970 für einen Flugveranstalter keine zweckmäßige Adresse. Doch Hamburg kam ihm immer viel zu wenig gefühlsbetont vor: "Immer, wenn ich mal wieder nach Berlin fuhr und die Bärenfiguren an den Grenzübergängen sah, kamen mir die Tränen."

Erst Gastarbeiter, dann Ferienflieger

Auch der Lebensstil des aufstrebenden Erfolgsunternehmers scheint anfangs nicht unbedingt dem Stil der Elbchaussee entsprochen zu haben. "Ich habe das Geld mit vollen Händen ausgegeben", erinnert er sich, doch verdient hat er wohl allemal mehr, genug, um sich in der geschäftigen Stadt auf Dauer zu etablieren. Auf den Ticketverkauf für türkische Gastarbeiter folgten die ersten Pauschalreisen, dann zwangsläufig eigene Hotels; die Entdeckung der türkischen Riviera als international attraktives Reiseziel ist im Wesentlichen Ögers Werk.

Inzwischen fliegen seine Chartermaschinen in nahezu alle Regionen, die im Mengengeschäft interessant sind, nach Ägypten, Kuba, in die Dominikanische Republik; die Condor hält sogar einen Zehn-Prozent-Anteil an dem Unternehmen, dessen Jahresumsatz auf die erste Milliarde zugeht. Drei Kinder hat Öger jetzt, und die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft wurde ihm schließlich zu einer rein praktischen Frage. "Man lebt im Land, verdient Geld im Land - und soll dann immer zur Ausländerbehörde gehen?"

Zum deutschen Pass gehört ein dezidiert deutscher Blickwinkel. Öger, kein Mitglied einer Partei, nennt sich selbst politisch liberal, aber als Kronzeuge für eine fundamentalistisch grüne Einwanderungspolitik ist er jedenfalls nicht zu gebrauchen: "Deutschland soll seine Grenzen öffnen?" sagt er mit plötzlichem Nachdruck, "das ist doch Unsinn!" Jedes Land müsse mit Blick auf eigene Interessen selbst entscheiden können, wen es hineinlasse, "was sollen denn hunderttausend neue anatolische Bauern ohne Ausbildung in Deutschland?" Er trennt säuberlich das Problem der Einwanderung vom Asylrecht, an dem er keinesfalls rütteln will, wenn er auch die lange Dauer der Verfahren kritisiert. Doch ein neues Einwanderungsgesetz, das mit seinem Einverständnis verabschiedet würde, muss sich an den Regeln orientieren, die beispielsweise in den USA oder Kanada üblich sind: klare Quoten für qualifizierte Leute, die dem Einwanderungsland nützlich sind. Und er findet grundsätzlich, dass Studenten aus Entwicklungsländern nach Abschluss ihrer Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren sollten: "Wir können nicht den armen Ländern ihre besten Köpfe abwerben."

Migrationspolitisch sind das klar konservative Standpunkte, und prompt hängte ihm die "taz" das schillernde Etikett an, er habe "die richtigen Freunde" - Otto Schily vielleicht, auch wenn der sich an die Berliner Affäre von 1968 nicht mehr richtig erinnern konnte. Man sei erst seit etwa zwei Monaten im Gespräch, sagt Öger, der sich keinesfalls als "Alibitürke" versteht. Auch die eilige Nachnominierung auf den anfangs offenbar nicht vorgesehenen 21. Sitz in der Süssmuth-Kommission empfindet er, wie er sagt, nicht als Problem. Er freue sich darauf, dort seine Meinung und seine Sachkunde als Emigrant einzubringen.

Doch aus all dem folgt nicht, dass Öger richtig findet, wie man in Deutschland mit den Einwanderern umgeht. Bei diesem Thema liegen seine Hände ein wenig fester auf der Schreibtischplatte, die Stimme wird ein wenig energischer, das Lächeln taucht unter: "Es ist richtig, dass ein Land nur die Menschen hereinlässt, die es haben will, aber es ist nicht richtig, dass es sie hereinlässt und dann als Menschen zweiter Klasse behandelt." Er ist ein entschiedener Gegner der religiösen Fundamentalisten - und interpretiert deren Fanatismus doch mit einem gewissen Verständnis. Als Flucht vor einer feindlichen Umgebung, vor dem Alleingelassensein in der Fremde versteht er diese Haltung. Sprachkurse als Pflichtprogramm für jeden Einwanderer, ein breites Bildungs- und Ausbildungsangebot verbunden mit sanftem Druck in Richtung Integration - das sind für ihn die Schlüsselfragen beim Kampf gegen drohende Ghettoisierung. "Der Türke", so resümierte Öger kürzlich, "hat immer gedacht, es gebe eine gewisse Seelenverwandschaft mit den Deutschen. Doch in Deutschland erlebt er eine Enttäuschung nach der anderen."

Gegen derlei Enttäuschungen ist er gewappnet, weil er in beiden Welten lebt - und in Berlin, der dritten, noch dazu. Neben einer Vitrine mit allerlei Ehrenplaketten steht in seinem Büro ein HSV-Wimpel. Logisch, meint er, die Firma sei schließlich Sponsor, "aber eigentlich ist Hertha BSC mein Verein." Die Namen der Berliner Altstars kann er auswendig: "Klimaschewski, Patzke, das waren tolle Zeiten." Ob Otto Schily sich auch noch so genau erinnert?

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