Tunesien-Tagebuch, Teil 2 : "Wir haben alle Angst"

Eine 24–jährige Lehrerin aus der tunesischen Küstenstadt Sousse forderte am Samstag im Tagesspiegel das Ende des Regimes. Nun beschreibt sie ihre Sicht nach der Flucht des Präsidenten.

„Unser Präsident ist abgehauen, findet Unterschlupf in Saudi-Arabien. Es ist schade, dass die Franzosen ihn nicht hereingelassen haben. Vielleicht hätte er dann irgendwann verurteilt werden können. Wie soll das gehen, wenn er sich in Saudi-Arabien versteckt? Als wir demonstriert haben und Ben Ali zum Rücktritt aufgefordert haben, meinten wir damit das gesamte Regime. Als sich dann am Freitagabend Parlamentspräsident Mohamed Ghannouchi zum Interimspräsidenten erklärt hat, waren wir gar nicht zufrieden. Manche sagen, dass Ghannouchi anders ist als Ben Ali, dass er sich nicht bereichern will. Aber er ist genauso ein Teil des Regimes wie Ben Ali. Außerdem ist es gegen die Verfassung. Nur, wenn der Präsident vorübergehend ausfällt, darf der Ministerpräsident für diese Zeit die Geschäfte leiten.

Am Samstagmorgen kam endlich die Nachricht. Es wird der Artikel 57 der Verfassung angewendet, nicht Artikel 56. Der Präsident ist nicht „vorübergehend“ verhindert, sondern für immer! Parlamentspräsident Foued Mbazaa verwaltet das Land bis zu den Wahlen. Auch er ist ein Teil des Systems – das sind sie doch alle. Deshalb brechen wir unseren Aufstand nicht ab. Das ist unsere Chance – jetzt oder niemals. Aber auf die Opposition hoffe ich nicht. Sie ist zu schwach, die Regierungspartei dominiert alles.

Die meisten meiner Schüler bleiben in ihren Häusern, ihre Eltern haben Angst um sie. Natürlich lernen sie nicht, sie können sich nicht konzentrieren. Diejenigen, die Internet zu Hause haben, sind die ganze Zeit auf Facebook, schreiben sich dort Nachrichten und tauschen ihre Ideen aus. Auf diesem Weg weise ich sie auch auf Gefahren hin und sie verbreiten die Informationen dann weiter.

Denn es ist gefährlich. Alle haben wirklich Angst. Es gibt Truppen, die von der Polizei angeheuert wurden, um zu randalieren und zu plündern. Sie zerstören alles, brennen sogar Geschäfte und Tankstellen ab. Wir bezeichnen sie jetzt als „Milizen“. Es gilt als sicher, dass Ben Ali dahintersteckt. Er denkt, dass wir ihm nachweinen werden und ihn uns zurückwünschen, wenn das Land im Chaos versinkt. Niemals! Das ist ein historischer Aufstand. Zum Glück sind sich die Tunesier all dessen bewusst. Sonst hätte noch ein Bürgerkrieg daraus werden können. Aber ich habe Angst. Die Plünderer und Randalierer sind nicht weit von meinem Stadtviertel entfernt. Es kann passieren, dass man in Ruhe in seinem Haus sitzt und plötzlich angegriffen wird, dass sie randalieren und das Haus anzünden. Man muss jederzeit Angst haben, dass eine Bande Krimineller auftaucht. Viele Jugendliche – auch Schüler von mir – haben Gruppen gebildet, um ihre Stadtviertel zu verteidigen, zum Beispiel mit großen Stangen. Dass die Armee da ist, vermittelt uns etwas Sicherheit. Wir haben den Eindruck, dass sie auf unserer Seite ist und dass sie auch gegen die Plünderer vorgeht. Es wurde auch von vielen beobachtet, dass Soldaten Bilder von Ben Ali von den Straßen entfernt haben. Sie hingen ja überall.

Wir horten Lebensmittel. Als mein Vater Brot kaufen wollte, gab es einen Menschenauflauf vor der Bäckerei und er kam mit leeren Händen wieder. Wir versuchen zu sparen. Wir sind mit den Nerven am Ende. Ich habe Angst, dass die Situation noch schwieriger wird. Ich fühle mich nicht sicher. Ich arbeite nicht, verfolge nur die ganze Zeit die Nachrichten. Meine größte Sorge ist, dass die Armee es nicht schafft, die Situation zu kontrollieren.

Ich hoffe, dass wir bald wieder in Frieden leben können. Dass die Armee uns vor diesen „Milizen“ beschützt und dass kein Blut mehr fließt. Vor allem aber, dass wir Tunesier weiter vereint bleiben und uns wie ein zivilisiertes Volk benehmen, während wir auf – hoffentlich „ehrliche“ – Wahlen warten. Hoffentlich wird das tunesische Volk endlich frei sein, Demokratie haben und der Armut ein Ende bereiten.

Aber eins ist klar: Ben Ali und all die Diebe, die ihn umgaben, müssen verurteilt werden und sollen das ganze Geld zurückgeben, das sie durch Korruption und Unterschlagung angehäuft haben. Denn dieses Geld gehört nicht ihnen, sondern dem tunesischen Volk.“

Protokolliert von Karin Schädler.

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